Absteiger des Jahres
Richard Fuld: Versager oder Märtyrer?

Der Chef der zusammengebrochenen Bank Lehman Brothers steht für die Maßlosigkeit, die vielen Banken zum Verhängnis wurde. Richard Fuld ist für seine Kritiker zur Fratze des maßlosen Bankers schlechthin verkommen. Für andere wird er einmal das Zeug zum Märtyrer des Jahrzehnts haben.

FRANKFURT. Das Gesicht kantig. Die Züge scharf geschnitten. Die Augen stechend. Hohe Stirn. Sein Mund presst Sätze hervor wie: „Heute geht es wirklich um Risikomanagement, also darum, niemals in eine Situation zu geraten, aus der es kein Entrinnen mehr gibt.“ Im Jahr 2007 war das, im Herbst.

Ein Jahr später, am 15. September 2008 gibt es für Richard Fuld kein Entrinnen mehr. Seit Monaten hat der 62-Jährige kaum geschlafen. Der hochgewachsene Mann war der Erste, der kam und der Letzte, der ging, im Hauptquartier von Lehman Brothers am New Yorker Times Square. Doch der Chef der viertgrößten Investmentbank Amerikas erlebt, wie sich keine helfende Hand mehr regt, um sein Lebenswerk zu retten. Die Politiker statuieren an ihm ein Exempel, weil sie zu keiner gemeinsamen Sprache gefunden haben. Wie immer steht Sprachlosigkeit am Anfang einer Krise, die die Betroffenen schon jetzt nur noch das große „Blutbad“ nennen. Geoffrey Raymond, der Porträtist der Wall Street, malt an diesem Tag mit Aquarell-Farben ein mannshohes Bildnis von Fuld und stellt es auf vor der Adresse am Times Square. Die Züge: verhärtet. Der Blick verschlagen. Unbeugsame Falten auf der Stirn. Das Werk füllt sich schnell mit Sprüchen: „Ich hoffe, seine Villa ist sicher“, steht da.

Fuld ist zur Fratze des Bankers schlechthin verkommen. Eine Fratze, die alles verkörpert, was in die Finanzakrobaten von jener Welt hineingedeutet wird, die sich die Realwirtschaft nennt, und damit einen scharfen Trennstrich zu jenen zieht, die nur im Luftreich der Finanzen gewirtschaftet haben. Die, die diese Trennung ziehen, sind die gleichen, die nur noch abfällig von „Bankern“ und niemals mehr respektvoll von „Bankiers“ sprechen werden. Fuld ist für sie der Verlierer des Jahres. Für andere wird er einmal das Zeug haben zum Märtyrer des Jahrzehnts. Schließlich musste er fallen, damit für Banker fortan nur noch eine Lösung möglich ist: die Rettung mit Steuergeld. Für beide Seiten der Trennlinie aber gilt, dass sie seither zu einer gemeinsamen Sprache nicht zurückfinden werden.

Fulds Fall und der seines anderthalb Jahrhunderte alten Geldhauses löst rund um den Globus eine Kettenreaktion aus. Es droht die Kernschmelze des internationalen Finanzsystems. Axel Weber, Präsident der deutschen Bundesbank, reibt sich verwundert die Augen und stellt fest, dass der Dominoeffekt erheblich über das hinausgeht, was zu erwarten gewesen wäre. Kreditlinien unter Banken, Anlagen in Geldmarktfonds, Sparguthaben – nichts ist mehr sicher. „Lehman war der Sündenfall“, sagt heute der Chef einer deutschen Großbank, „der aus der schwelenden Finanzkrise eine Massenpanik gemacht hat.“ Seither herrscht das große Missverstehen.

Zum Beispiel am 13. November, einem Donnerstagabend in Berlin. Der Bankenverband hat zur gesellschaftspolitischen Debatte, seinen jährlichen „Schönhauser Gesprächen“, geladen. Apollosaal der Staatsoper. Dorische Säulen in Blassgrün mit blattgoldgeschmückten Kapitellen. Am Rednerpult steht Klaus-Peter Müller, Verbandschef und Aufsichtsratsvorsitzender der Commerzbank. Er liest seine Rede vom Blatt. Thema: Finanzkrise seit dem Fall Fulds. Müller hält sich im Großen und Ganzen an das Manuskript. Nur wenn dort steht: „Die Banken sind sich ihrer Mitverantwortung für die Krise bewusst“, sagt Müller „wir“. Er sagt, „wir Banken“, „wir sind uns bewusst“. Seine Zuhörer sind zum überwiegenden Teil weder Banker noch Bankiers. Aber klar ist, sie wollen genau das hören, was Müller sagt.

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