Abstieg einer Unternehmerlegende
Katalog der Grausamkeiten

Auf Versandhauschef Michael Otto prasseln Negativ-Schlagzeilen nieder: Der Ärger addiert sich zu Milliardenforderungen.

HAMBURG. Der 1,90 Meter-Mann wirkt angeschlagen. Die Augen hinter seiner dezenten Brille hat er zusammengekniffen. Gestresst und mit angespannter Stimme spult Michael Otto Ende vergangener Woche eine kurze Rede im „Forum“ der Hamburger Otto-Hauptverwaltung in Wandsbek herunter. Er verabschiedet seinen Pressechef Detlev von Livonius nach mehr als drei Jahrzehnten in den vorzeitigen Ruhestand. „Gott sei dank war kein Journalist dabei. Michael Otto sieht um Jahre gealtert aus“, äußert sich einer der anwesenden Otto-Mitarbeiter hinterher schockiert.

Öffentlichkeit kann der Chef des weltgrößten Versandhausriesen momentan kaum gebrauchen. Denn in jüngster Zeit häufen sich die Negativ-Schlagzeilen über den Firmenlenker, seine Familie sowie über dessen weltweit verzweigtes Firmenkonglomerat: So drückt beim Versender die Konsumflaute auf den Umsatz, der geplante Verkauf des Soester Computerhändlers Actebis platzt und der Einstieg ins Lebensmittelgeschäft misslingt. Und in den USA gerät vor einigen Monaten die zum Otto-Imperium gehörende Spiegel Inc. in die Pleite.

Jetzt auch noch der peinliche Scheidungskrieg seines jüngeren Bruders, Alexander Otto. Dessen Ex-Ehefrau fordert von dem Chef der Immobilientochter ECE und den mit ihm verbundenen Unternehmen eine satte Abfindung von rund 700 bis 900 Millionen Dollar. Davon betroffen ist möglicherweise auch der Otto Versand: An ihm ist Alexander Otto beteiligt – aber die Mehrheit liegt bei Bruder Michael.

Damit hat das Bild von Michael Otto und dessen Familie in der Öffentlichkeit tiefe Risse bekommen, die mit einem Vermögen von rund acht Milliarden Euro zu den reichsten deutschen Familien gehört. Jahrelang galt der im westpreußischen Kulm (heute Polen) geborene Chef des Otto Versands als Vorzeigeunternehmer. Er setzt sich für den Umweltschutz ein und übernimmt den Vorsitz des Stiftungsrats vom World Wide Fund Deutschland. 1991 wird er zum Ökomanager des Jahres gekürt, weil er sich für den Erhalt naturbelassener Gewässer einsetzt. Selbst Greenpeace urteilt über seinen Kurs im Umweltschutz wie der Werbeslogan: „Otto... find ich gut“.

Auch geschäftlich kann Otto eine Bilderbuch-Karriere vorweisen. Keine 28 Jahren alt, startet der Junior 1971 als bundesweit jüngster Vorstand im väterlichen Unternehmen. Zunächst übernimmt er den Textileinkauf, 1981 den Vorstandsvorsitz. Seitdem baut er den einstmals reinen Versender zu einem international agierenden Handels- und Dienstleistungsriesen aus: „Zukunftschancen erkennen und Synergiepotenziale nutzen – das ist die Erfolgsstory des Otto Versands“, meinte der Firmenlenker einmal. Mit diesem Prinzip hat er es weit gebracht: Heute setzt die Gruppe mit mehr als 80 000 Mitarbeitern mehr als 19 Milliarden Euro um.

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