Ära Greenspan endet
Der murmelnde Hexer tritt ab

Heute hat Alan Greenspan als mächtigster Mann der globalen Finanzpolitik seinen letzten Arbeitstag – nach 18 Jahren an der Spitze der US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Ob er wirklich der Größte war, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Ein Portrait.

NEW YORK. Seine Hände sind gefaltet, die Augen halb geschlossen. Leicht gebeugt steht Alan Greenspan da, den Hals nach vorn gestreckt, den Blick nach unten gerichtet, während der US-Präsident über ihn spricht, seine Leistungen aufzählt als Chef der US-Notenbank, als Steuermann der Weltwirtschaft, als mächtigster Mann der globalen Finanzpolitik. George Bush redet und redet, dann gibt er das Wort an Ben Bernanke weiter, den Neuen an der Spitze der US-Zentralbank. Auch Greenspan möchte ans Mikrofon, sein Körper zuckt, als wollte er ans Rednerpult treten und noch einmal die Augen und Ohren der Welt auf sich ziehen. Doch daraus wird nichts. „Mr. Chairman, danke, dass sie hier waren.“ Mit diesem lapidaren Satz beendet Bush die Veranstaltung – nach genau acht Minuten. Die Ära Greenspan ist zu Ende – nach mehr als 18 Jahren.

Offiziell hat der 79-jährige Chef der Federal Reserve (Fed) zwar erst heute seinen letzten Arbeitstag. Der Machtwechsel und die damit verbundene Zeitenwende waren jedoch bereits an jenem 24. Oktober vergangenen Jahres spürbar. An diesem Montag stellte der US-Präsident seinen Wirtschaftsberater Ben Bernanke als neuen Chef der amerikanischen Notenbank vor. Wie ein Statist stand Greenspan daneben, als Bush den Notenbanker faktisch in den Ruhestand schickte – den „Maestro“, wie ihn der Journalist Bob Woodward in einer Biografie nannte, den „Hexer der Fed“ und „größten Zentralbanker aller Zeiten“, wie ihn Bewunderer bezeichneten.

Wenige Wochen zuvor hatte die elitäre Zunft der Zentralbanker bei ihrem jährlichen Stelldichein in Jackson Hole den Mann mit der großen Brille und der Vorliebe für lange, kryptische Formulierungen, die er vor sich hernuschelt, noch gefeiert, ihn mit Lob überschüttet. Als der leidenschaftliche Baseballfan letztens ein Spiel der „Washington Nationals“ besuchte, wurde er mit euphorischen Rufen „Go Alan“ begrüßt. Die Verehrung reicht so weit, dass Senator John McCain einmal vorschlug, den Mann nach seinem Ableben wieder aufzurichten und mit einer Sonnenbrille „weiterleben“ zu lassen.

Greenspan hat es meisterhaft verstanden, den Ruhm für seine Zwecke einzusetzen und aus der Notenbank eine Ein-Mann-Show zu machen. Am Ende seiner letzten Amtszeit erntet er daher nicht nur Lorbeeren, sondern muss auch für die Fehler der Fed geradestehen. „Wir sind heute da, wo wir sind, weil Greenspan es so entschieden hat“, fasst James Glassman, US-Ökonom bei der Großbank JP Morgan, zusammen.

Auf den ersten Blick erscheint Greenspans Bilanz makellos. Als er 1987 sein Amt antrat, lag die Kerninflation bei fast vier Prozent. Heute ist sie nur noch halb so hoch. Die Arbeitslosenquote betrug im Durchschnitt der Greenspan-Ära 5,5 Prozent. Und es gab nur zwei milde Rezessionen. „Greenspan hat die gesetzlichen Aufgaben der Fed – Preisstabilität bei maximaler Beschäftigung – hervorragend erfüllt“, sagt Ex-Notenbanker Laurence Meyer.

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