AIG-Chef Benmosche
Erst Hü, dann Hott

AIG-Chef Robert Benmosche drohte alles hinzuwerfen. Das Direktorium schockte der eigenwillige Topmanager mit der Aussage, er habe die Nase voll – aus Frust über die verordnete Gehaltsdeckelung. Nun rudert Benmosche zurück.
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FRANKFURT/NEW YORK. Rechnen kann er. Schließlich hat er Mathematik studiert und in der Finanzbranche eine steile Karriere hingelegt. Berechnend sein kann er auch. Das hat er jetzt erneut bewiesen. Der Chef des verstaatlichten US-Versicherungsriesen AIG, Robert Benmosche, drohte damit, alles hinzuwerfen. Das Direktorium schockte der eigenwillige Topmanager mit der Aussage, er habe die Nase voll. Für ihn sei die Sache erledigt, berichtete das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf Insider.

Der Schrecken fährt den übrigen Topmanagern des elfköpfigen Führungszirkels auf der Sitzung in der Vorwoche so tief in die Glieder, dass sie Benmosche bitten, seine Absichten noch einmal zu überdenken. Der 65-Jährige, der schon mit dem Ruhestand und handfesten Hobbys wie dem Weinanbau geliebäugelt hat, lässt sich erweichen. Er will sich alles noch einmal durch den Kopf gehen lassen.

Er erhält drei Millionen Dollar

Ein Rücktritt des Vorstandschefs, der gerade einmal drei Monate im Amt ist, träfe den Konzern in einer heiklen Phase schwer. Benmosche soll AIG stabilisieren, auf eine tragbare Größe zurechtstutzen und die Zigmilliarden Dollar zurückzahlen, mit denen der Staat den Zusammenbruch der Firma vor gut einem Jahr verhindert hat. AIG war vom Versicherungsgeschäft abgekommen und hatte sich mit Verbriefungen derart verzockt, dass bei einer Pleite das gesamte Finanzsystem vor dem Kollaps gestanden hätte: 2008 häufte AIG einen Verlust von fast 100 Milliarden Dollar an.

War die Rücktrittsdrohung gezielte Provokation oder nur eine Kurzschlusshandlung aus Frust über die Restriktionen des Staates, der nach der Multi-Milliarden-Spritze nun als Eigentümer das letzte Wort hat? Am Mittwochabend blies der hochgewachsene Manager zum Rückzug: „Lassen Sie es mich klar sagen“, schrieb er in einem Brief an die Belegschaft: „Gemeinsam mit dem Board bin ich fest entschlossen, AIG durch diese schwere Phase zu führen und weiter in Ihrem Auftrag zu kämpfen.“ Schon bei seinem Amtsantritt im August hatte Benmosche mit einer ähnlichen Drohtaktik Erfolg. Damals wie heute ging es um die Gehälter: Washington hatte die Grundbezüge für die oberste Führungsriege auf knapp zehn Prozent zusammengestrichen, nicht zuletzt wegen des Drucks der empörten Öffentlichkeit. Benmosche gelang es dabei, für sich selbst ein deutlich höheres Gehalt auszuhandeln: drei Millionen in bar, vier Millionen in Aktien und 3,5 Millionen Dollar als Langfristbonus. „Wenn ihr mich haben wollt, könnt ihr mich haben, aber ihr müsst zahlen“, rechtfertigte er sich laut Nachrichtenagentur Bloomberg vor Mitarbeitern. „Ich bin das Geld wert.“ Und AIG brauchte dringend einen neuen Vorstandschef.

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