AIG
Der Sanierer Liddy gibt auf

Edward "Ed" Liddy hat die Nase voll. Der von Ex-Finanzminister Henry Paulson eingesetzte Chef des ehemals größten Versicherers der Welt, AIG, möchte nicht länger Prügelknabe der Nation sein und verkündet seinen Abschied. Nun beginnt die schwierige Suche nach einem Nachfolger.

NEW YORK. Sobald ein Nachfolger gefunden ist, tritt Liddy ab. Der 63-Jährige ist somit der vierte Chef, der den New Yorker Versicherungskonzern seit 2005 gebrandmarkt verlässt. Das AIG-Debakel ist damit komplett, denn einen Ersatz für Liddy zu finden, wird für den krisengeschüttelten Konzern schwierig. Finanzminister Timothy Geithner bezeichnet den AIG-Chefposten zuletzt als "einen der herausfordernsten Jobs des Wirtschaftssystems". Bis Liddy diesen endgültig los ist, dürfte es Monate dauern.

Acht Monate sind vergangen, seit Liddy aus dem Ruhestand zum Chef des gerade verstaatlichten Konzerns rekrutiert wurde. Eigentlich wollte der erfahrene und durchsetzungsstarke Versicherungsmanager es noch mal allen zeigen - den Karren aus dem Dreck ziehen. Doch glich das vergangene halbe Jahr eher einem Horrorfilm ohne Aussicht auf "Happy End": Ein Skandal folgt dem anderen, und größte Herausforderung seiner Amtszeit ist, dass er neben dem schlingernden operativen Geschäft auch gegen konstante Verdächtigungen des Missbrauchs von Steuergeld ankämpfen muss.

Liddy steht vor dem Senat etwa für Boni-Auszahlungen gerade, die aus Verträgen aus der Zeit vor seinem Amtsantritt stammen: Obwohl der im Herbst verstaatlichte Konzern nur mühsam mit gigantischen 183 Mrd. Dollar aus Steuermitteln vor dem Kollaps bewahrt wird, ließ AIG im März noch einmal Millionen-Boni auf seine Angestellten herabregnen. Ein Aufschrei der Empörung hallt seither durch die Medien und Liddy fungiert als Sündenbock für die Verschwendungssucht der Finanzbranche. Zahlreiche Morddrohungen erreichen ihn - bei einer Senatsanhörung verliest er eine dieser Nachrichten: "Alle (AIG -)Manager und ihre Familien sollten hingerichtet werden mit Klaviersaitendraht um den Hals."

All das passt eigentlich nicht zu dem Mann mit dem vertrauenerweckenden, pausbäckigen Gesicht und den eindringlich blauen Augen. Rund 15 Jahre stand Liddy für den Werbeslogan des Versicherers Allstate "Hier sind sie in guten Händen". Ein Unternehmen, das er zu einem der größten US-Auto- und Immobilienversicherer umstrukturiert hatte.

Doch selbst Liddy war mit AIG überfordert. Am Donnerstag sagte er in einem Interview, sein Aufgabenspektrum sei so "groß und komplex", dass nur schwer ein Nachfolger gefunden werden könne. Sein Posten beinhalte, Notenbank, Finanzministerium, Kongress, dem AIG-Aufsichtsrat sowie Führungskräften in 130 Ländern täglich für Frage und Antwort parat zu stehen. Künftig empfiehlt Liddy den Chefsessel (CEO) und den Präsidentschaftsposten (Chairman) voneinander zu separieren - bisher vereinte er diese in Doppelfunktion unter einem Hut. Der Chairman könne die Verpflichtungen gegenüber der Regierung, dem Kongress und anderen Geldgebern verantworten, wohingegen der Geschäftsführer genügend Kapazitäten für das operative Geschäft aufbringen könne.

Kehrseite ist, dass AIG damit gleich nach zwei neuen Kandidaten Ausschau halten muss. Eine mögliche Anwärterin für den CEO-Posten ist Paula Reynolds. Von Liddy selbst als erfahrene Versicherungsfrau ins Unternehmen geholt, habe sie gute Chancen auf den Chef-Sessel, sagen mit dem Unternehmen vertraute Personen.

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