AIG-Pleite
Der Herr über das englische Casino

Von London aus stürzte der Händler Joseph Cassano den US-Versicherer AIG in den Ruin. Ehemalige Kollegen beschreiben ihn als hochintelligenten aber auch extrem ehrgeizigen Aufsteiger. Inzwischen untersucht das Betrugsdezernat, was Cassano und seine Leute getrieben haben.

LONDON. Das Haus mit der Nummer eins in der vornehmen Curzon Street zählt sicherlich zu den besten Geschäftsadressen in der Finanzmetropole London, schließlich gehört der Büroblock auch der Königsfamilie des Scheichtums Abu Dhabi. Doch hinter der elegant geschwungenen Fassade aus weißem Stein vermutet der amerikanische Fernsehsender ABC nichts weniger als "das Epizentrum" der weltweiten Finanzkrise.

Von hier aus machte Joseph Cassano seine Geschäfte, und von hier aus soll der Amerikaner den einst weltgrößten Versicherungskonzern AIG in den Abgrund gestürzt haben. Der Sohn eines New Yorker Polizisten war der Herr über eine 225 Mann starke Händlertruppe, die für AIG an den internationalen Derivate-Märkten ein riesiges Rad drehte und dabei am Ende, als die Blase platzte, enorme Verluste aufhäufte, die sich nach Schätzung des Senders ABC auf den unglaublichen Betrag von 500 Mrd. Dollar summiert haben könnten. "Im Prinzip hatten wir es mit einem Hedge-Fonds zu tun, der an eine solide Versicherung angekoppelt war", so erklärte es der Chef der US-Notenbank Ben Bernanke den Abgeordneten des US-Kongresses.

Die Geschichte von Cassano und seinen Londoner Händlern beginnt Ende der achtziger Jahre, als dem damaligen AIG-Boss Maurice Greenberg das klassische Versicherungsgeschäft zu langweilig wurde. Das war der Beginn des Derivatehandels von AIG, der unter dem harmlosen Namen "AIG Financial Products" firmierte, doch intern bei dem Versicherer unter dem Spitznamen "das Londoner Casino" lief.

Unter der Regie Cassanos, den Ex-Kollegen als hochintelligenten aber auch extrem ehrgeizigen Aufsteiger aus einfachen Verhältnissen beschreiben, stieg AIG in großem Stil in den Handel mit modernen Finanzinstrumenten ein, sogenannten Credit Default Swaps, einer Art Kreditausfallversicherung. Es schien, als hätte Cassano eine Maschine zum Gelddrucken entdeckt. Zwischen 1987 und 2005 warf seine Abteilung fünf Mrd. Dollar Profit ab. Cassano verdiente dabei in nur acht Jahren rund 280 Millionen Dollar. Noch 2007 brüstete sich der Chefhändler mit dem inzwischen berüchtigten Satz: "Es fällt uns schwer, uns auch nur ein einziges Szenario vorzustellen, in dem wir auch nur einen Dollar mit solchen Transaktionen verlieren könnten."

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