Air France
Spinetta plant seinen Abflug

Der Chef von Air France gibt das operative Geschäft ab - und läutet damit seinen endgültigen Rückzug ein.
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PARIS. Bei Air France-KLM, der nach Umsatz weltgrößten Fluggesellschaft, deutet sich ein Führungswechsel an: Konzernchef Jean-Cyril Spinetta hat den Arbeitnehmervertretern gestern mitgeteilt, dass er sich ab dem 1. Januar auf die Führung der Holding Air France-KLM konzentrieren will. Die Leitung der operativen Tochter Air France werde dann seine rechte Hand, Pierre-Henri Gourgeon, übernehmen, sagte Konzernbetriebsrat Francois Cabrera.

"Es ist die Pflicht, seine Nachfolge minutiös vorzubereiten", hatte Spinetta einmal der Handelsblatt-Partnerzeitung "La Tribune" gesagt. Daran scheint sich der gebürtige Korse, der am 4. Oktober 65 Jahre alt wird, nun zu halten. Spinetta hatte Air France rund elf Jahre geleitet. Nun übernimmt sein langjähriger Co-Pilot das Ruder. Die Fluggesellschaft KLM wird seit April 2007 vom Niederländer Peter Hartmann geführt.

Es wäre aber verfrüht, Spinetta nun als "lahme Ente" abzutun, der nur noch auf seine Rente schielt. Sein Mandat als Konzernchef läuft noch bis 2010. Und die Statuten ermöglichen es, dass er bis zu seinem 70. Lebensjahr weitermacht, also bis zum Jahr 2013. Befreit vom Ballast des Tagesgeschäfts, kann sich Spinetta nun besser auf die großen strategischen Fragen konzentrieren.

Und daran herrscht kein Mangel: Derzeit rangeln Air France-KLM, Lufthansa und British Airways um die Vorherrschaft am europäischen Himmel. Über der maladen Alitalia ziehen sowohl der französisch-niederländische Konzern als auch der deutsche Kranich Warteschleifen. Und beide balgen sich um die Übernahme der österreichischen Austrian Airlines. Die Finanzkrise und die damit einhergehende Konjunkturabkühlung dürften zudem noch allen Playern am Himmel schwer zu schaffen machen.

Vor diesem Hintergrund kann Air France-KLM interne Nachfolgekriege überhaupt nicht gebrauchen. Daher soll Gourgeons bisheriger Job der Nummer zwei bei Air France nicht neu besetzt werden. Ob die Nachfolgerdebatte mit der Ernennung Gourgeons aber tatsächlich erledigt ist, darf angesichts dessen fortgeschrittenen Alters von 62 Jahren bezweifelt werden. Für einen Generationenwechsel steht er sicher nicht.

Eher für Kontinuität. Denn im Schatten Spinettas folgte der Absolvent der Eliteschmiede Polytechnique fast jeder Karrierestufe seines Mentors. Beide haben sich Ende der 80er-Jahre im Mitarbeiterstab des Ministers im Transportministerium kennengelernt. Während Spinetta dank seines Charismas ein guter Kontakt zu den Mitarbeitern nachgesagt wird, gilt Gourgeon eher als spröde und schwierig. Seine Expertise in strategischen und finanziellen Dingen wird dagegen von niemandem in Zweifel gezogen.

Auch nicht von der französischen Staatsspitze, die die Ereignisse bei Air France genau verfolgt. Schließlich ist der Staat mit knapp 16 Prozent größter Einzelaktionär des Konzerns. Das Wirtschaftsministerium ließ indes Berichte dementieren, denen zufolge Stéphane Richard, Leiter des Mitarbeiterstabs von Ministerin Christine Lagarde, an die Spitze von Air France befördert werden solle.

Das hätte sicher böses Blut mit den Niederländern gegeben, die von solchen Rochaden aus Ministerstäben überhaupt nichts halten. Dabei gilt die erfolgreiche Übernahme und Integration von KLM als größtes Verdienst Spinettas. Anfangs hatten Analysten über das Prinzip "eine Holding, zwei Airlines" noch die Nase gerümpft. Sie fürchteten, dass dadurch Kostensynergien verschenkt würden. Mittlerweile gilt das Holdingmodell als wegweisend. Nun will Spinetta beweisen, dass sein Modell noch die Aufnahme einer dritten Airline bewältigen kann.

Seine Methode beschreiben Kenner als Mischung aus Ehrgeiz, eisener Disziplin und einer guten Nase für den sozialen Dialog. Mehrmals musste "Spi", wie ihn seine Freunde nennen, sich mit aufmüpfigem Personal herumärgern. Die Mitarbeiter hatten ihn gleich bei Amtsantritt im Jahr 1988 mit einem Streik begrüßt - während der Fußball-WM im eigenen Land. Spinetta rang den Piloten Gehaltskürzungen ab und beteiligte sie im Gegenzug am Kapital. Am Ende des Arbeitskampfs sagte Spinetta: "In diesem Moment bin ich wirklich zum Chef von Air France geworden."

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