Akquisitionen geplant
Tabubrecher an der L'Oréal-Spitze

Es ist eine kleine Demütigung, wenn der Vorgänger auf dem Chefsessel für seinen Nachfolger werben muss. „Klug, sympathisch, ehrlich und umsichtig“ sei Jean-Paul Agon, erklärte L’Oréal-Chef Lyndsay Owen-Jones.

PARIS. Er weiß, dass ein wenig Anschub nötig ist: Denn auf ihn, den amüsanten Gentleman Owen-Jones, folgt mit Agon ein blasser, nüchterner Technokrat mit blondem, schütterem Haar.

Jean-Paul Agon tritt ein schweres Erbe an. Kurz vor seinem 50. Geburtstag hat der Franzose vergangene Woche die Geschäfte des weltgrößten Kosmetikimperiums L’Oréal übernommen.

Es wird für ihn nicht leicht, sich aus dem Schatten seines Vorgängers zu befreien. Der hat in seinen 18 Jahren an der Unternehmensspitze den Umsatz vervierfacht.

Die Ernennung des 1,85 Meter großen, schlaksigen Agon überraschte sogar seine ehemaligen Studienkollegen von der renommierten Wirtschaftshochschule HEC. Das berichtete das Nachrichtenmagazin „L’Express“: „Wer erinnert sich überhaupt noch an Jean-Paul Agon?“ fragte einer von ihnen im Internet und beschrieb diesen als „farblos und zurückhaltend“.

Dennoch hat sich der ehemals unauffällige Student durchgesetzt und übernimmt den Schönheitskonzern mit Markenprodukten wie Lancôme und Ambre Solaire, der seine Produkte in 130 Ländern weltweit verkauft, 52 000 Mitarbeiter beschäftigt und im vergangenen Jahr einen Umsatz von 14,5 Milliarden Euro erreichte.

Sicherlich hat der Franzose nicht das Charisma von Kommunikationstalent Owen-Jones. Er ist kein Mann der vielen Worte. Doch seit seinem Einstieg bei L’Oréal im Jahr 1978, direkt nach dem Abschluss der HEC, hat Agon erfolgreich eine Karrierestufe nach der anderen erklommen. Unter den strengen Anzügen und dem angedeuteten Lächeln des neuen Chefs verberge sich eine Persönlichkeit mit einem starken Willen, heißt es bei L’Oréal. Agon bezeichnete sich selbst bei seinem ersten Auftritt, als der Konzern im Februar die Jahresergebnisse präsentierte, als „jemand, der durch die Wand geht“.

Zackig sagte er damals zur Zukunft des Konzerns: „Tabus müssen gebrochen werden.“ Das bedeutet, dass die L’Oréal-Strategie des Wachstums vor allem durch hauseigene Marken in Zukunft nicht mehr die einzig gültige sein wird. Er versprach zusätzlich „Wachstum durch Akquisitionen“. Kurze Zeit später übernahm L’Oréal die Naturkosmetikmarke Body Shop, woran Agon maßgeblich beteiligt war.

Er sei zielstrebig und nehme kein Blatt vor den Mund, sagen seine Mitarbeiter. Selbst gegenüber Owen-Jones, als dessen Zögling und Wunschkandidat er seit zehn Jahren gilt, habe er nie gekuscht. „OJ“, wie der bisherige Chef hausintern genannt wird, schätzt Agons offene Art. Und es gab angeblich nur wenige, die es sich erlauben konnten, gegenüber Owen-Jones Nein zu sagen.

Dennoch gilt Agon nicht als Einzelkämpfer, sondern als Chef, der es versteht, humorvoll ein Team zu leiten. „Er hat das durchdringendste Lachen der Firmenzentrale. Ihm gelingt es damit, die festgefahrensten Situationen zu entkrampfen“, erzählen Mitarbeiter. Und wie seinen Teams stellt er sich selbst unermüdlich immer wieder neue Herausforderungen – beim Sport als begeisterter Skifahrer und Segler oder als Hobbydichter, der Tragödien in Alexandriner-Versen verfasst.

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