Aktionärinnen für Chancengleichheit
Wenn Frauen unbequeme Fragen stellen

Trotz aller Quoten haben es Frauen in Chefetagen immer noch schwer. Top-Juristinnen aus ganz Europa haben sich nun zusammengetan, um daran etwas zu ändern. Auf den Hauptversammlungen legen sie den Finger in die Wunde.

BrüsselVielleicht sind es tatsächlich solche Kleinigkeiten, an denen es scheitert, dass Frauen ähnlich oft Karriere machen wie Männer. Zum Beispiel die Geschichte der kleinen Vera: Ihre Mutter hat ihr ein Wollknäuel und Stricknadeln in die Hand gedrückt, sie hadert mit den Maschen. Da kommt ihr Vater ins Zimmer, reißt ihr die Nadeln aus der Hand und ruft: „Oh nein, du musst was Richtiges lernen!“

Aus dem kleinen Mädchen ist die EU-Justizkommissarin Vera Jourova geworden. Mit dieser Anekdote hat die Tschechin die Lacher auf ihrer Seite. Und wohl nicht wenige der gut 160 Frauen – ein paar Männer sind auch dabei – im Saal fragen sich insgeheim, ob auch sie jemand schon in ihrer Kindheit in die richtige Richtung geschubst hat.

Aber die meisten sind sich sicher: Die Strickliesel ist nicht das Problem – und das Ingenieursstudium nicht die Lösung. Schließlich haben auch die meisten Männer, die europäische Autohersteller oder Baukonzerne leiten, einst Jura oder Wirtschaftswissenschaften studiert. Und darum geht es an diesem Nachmittag in Brüssel: um die Frage, warum nach wie vor so wenige Chefsessel in Europa von Frauen besetzt sind.

Die Frauen, denen Vera Jourova von ihrer Kindheit erzählt und denen sie in ihrer Funktion als Gleichstellungskommissarin Unterstützung verspricht, sind Juristinnen, Managerinnen und Unternehmerinnen: „Women Shareholders Demand Gender Equality“ – „Aktionärinnen fordern Gleichberechtigung“. Seit 2009 tritt dieses Bündnis unter Führung von Ramona Pisal, Präsidentin des Deutschen Juristinnenbundes, auf den Hauptversammlungen großer Unternehmen in Deutschland auf. Anfangs von Konzernpatriarchen wie Gerhard Cromme belächelt, sind Pisal und ihre Mitstreiterinnen in den Personaletagen der Dax-Konzerne längst respektierte Gesprächspartnerinnen.

Im vergangenen Jahr haben die Aktionärinnen das Projekt, gefördert von Bund und EU, auf die europäische Ebene ausgeweitet. Nun ging um die Chancengleichheit in jenen Konzernen, die dem EuroStoxx50 angehören.

Die Methode ist in Deutschland bereits erprobt; der Effekt könnte mit Blick auf die eingesetzten Mittel kaum größer sein. Die Frauen nutzen den Umstand, dass jeder Aktionär eines Unternehmens Rederecht auf der Hauptversammlung hat. Also kaufen sie einen Anteilsschein, melden sich an, stellen Fragen. Sachlich, aber bestimmt: Wie hoch ist der Frauenanteil in der Belegschaft? In Führungspositionen? Wie verändert er sich? Was tut das Management, um Vielfalt zu fördern?

Beim Abschlusstreffen des Projekts in Brüssel haben die Aktionärinnen, von denen viele auch der europäischen Frauen-Anwalts-Organisation EWLA angehören, nun Bilanz gezogen. Es gab so manches Aha-Erlebnis: Denn auch wer Chancengleichheit einfordern, ist ja nicht unbedingt frei von Vorurteilen.

Wer in Deutschland würde zum Beispiel spontan Spanien als Vorreiter in Sachen Gleichstellung einsortieren? Dabei hat das Land schon seit 2007 eine Frauenquote von 40 Prozent für Aufsichtsräte. „Unsere Gesetze sind wunderbar, viel besser als in Deutschland“, sagt auch die Juristin Katharina Miller, die einst im Referendariat nach Spanien ging, dann dort heiratete und mittlerweile eine auf Compliance spezialisierte Kanzlei in Madrid betreibt. „Leider“, bedauert sie, „fehlen die Sanktionen.“

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