Akzo-Nobel-Chef Hans Wijers
Der Industrie-Politiker

Akzo-Nobel-Chef Hans Wijers macht aus dem niederländischen Konglomerat Akzo Nobel durch den Zukauf des britischen Konkurrenten ICI einen lupenreinen Chemiekonzern. Stimmt heute auch die Hauptversammlung der Übernahme zu, dann hat Wijers ein zweites Mal niederländische Wirtschaftsgeschichte geschrieben – diesmal als Manager.

LONDON. Die große Geste ist nicht seine Sache. Locker und selbstbewusst, aber ohne jede Dramatik erläutert Hans Wijers den Aktionären von Akzo Nobel den gewaltigen Umbruch, durch den er den niederländischen Chemiekonzern führt. Die Pharmasparte Organon ist verkauft, nun kommt die Übernahme des britischen Konkurrenten ICI für umgerechnet zwölf Milliarden Euro, der Akzo in eine neue Dimension befördert. Routiniert und mit einem Schuss Humor erklärt der Chef gestern auf der Hauptversammlung im Amsterdamer Hilton-Hotel noch einmal die Logik hinter dem Umbau zum führenden Farbenhersteller der Welt.

Es sind nur wenige Dutzend Aktionäre anwesend, und sie stellen auch nur wenige Fragen. Der Aktionärsprotest, den Kritik von Hedge-Fonds an dem Kauf von ICI erwarten ließ, bleibt aus. Wijers hat ihnen den Wind aus den Segeln genommen, indem er den Düsseldorfer Konsumgüterkonzern Henkel als Abnehmer für die Klebstoffsparte von ICI gewann. So kann Akzo den Kauf des britischen Traditionskonzerns locker finanzieren und trotzdem noch Milliarden an die Anteilseigner ausschütten. Nach eineinhalb Stunden können die Aktionäre schon abstimmen. 78,8 Prozent sagen Ja – knapp die Hälfte war anwesend. Das ist kein berauschendes Ergebnis, aber es reicht allemal.

Stimmt heute auch die Hauptversammlung von ICI der Übernahme zu, dann hat Hans Wijers ein zweites Mal niederländische Wirtschaftsgeschichte geschrieben – diesmal als Manager. Das erste Mal drückte er dem Land als Politiker den Stempel auf. Das war vor 13 Jahren, als der Quereinsteiger Wijers die Wirtschaftspolitik aufwirbelte. 1994 tritt Wijers mit 43 Jahren das Amt des Wirtschaftsministers in der Regierung des Sozialdemokraten Wim Kok an. Er bringt zwar kaum Erfahrung in politischen Ämtern mit, hat aber zwölf Jahre als Politik- und Unternehmensberater und 18 Jahre in der linksliberalen Partei D 66 hinter sich. Vom ersten Tag an macht er sich einen Namen als Modernisierer, der verkrustete Strukturen aufbricht.

In seinen vier Ministerjahren verschafft er den Niederlanden ein modernes Kartellrecht. Bis dahin waren Kartelle grundsätzlich erlaubt, seither sind sie, wie in den meisten anderen Ländern, grundsätzlich verboten. Die Ladenschlusszeiten lockert er ebenfalls gründlich. Mit Steuererleichterungen für Unternehmen, der Abschaffung überholter Vorschriften und einer massiven Förderung von Firmengründern versucht er, die Wirtschaft zu beleben. Als der Flugzeugbauer Fokker in die Krise gerät, äußert Wijers deutlich seine Enttäuschung über die Konzernmutter Daimler, die das Traditionsunternehmen nicht weiter unterstützen will. Doch den Rufen nach Milliardensubventionen des Staates verschließt er sich. Trotz allem ist der Wirtschaftsminister nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch im Volk populär, wenn auch nicht unbedingt bei den Gewerkschaften.

Trotzdem entscheidet sich Wijers nach vier Jahren Politik für den Wechsel in die Privatwirtschaft. Er lehnt den Sprung an die Spitze seiner Partei ab und wechselt als Landeschef zur Unternehmensberatung Boston Consulting. Zum Abschied rechnet er mit dem in Deutschland viel gerühmten holländischen „Polder-Modell“ ab. Der breite Konsens zwischen Regierung, Arbeitgebern und Gewerkschaften sei rückwärtsgewandt.

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