Alain Weill
Ein Radiomann übt Zeitung

Der französische Investor Alain Weill will die Pariser Wirtschaftszeitung „La Tribune“ in die Gewinnzone bringen. Alles wartet jetzt auf sein Sanierungsprogramm.

PARIS. Das Äußere erinnert an einen Finanzbeamten: Die eher kleine Gestalt ist oft in graue Anzüge gehüllt. Das kurze, schüttere Haar hat er korrekt zum Seitenscheitel frisiert, die Augen schauen durch eine randlose Brille. Seine Sprache ist trocken und knapp, die Gestik kontrolliert. Dennoch mutiert der zurückhaltende Alain Weill derzeit zur heißesten Figur der französischen Medienszene: Denn der 46-jährige Medienunternehmer will vom Luxuskonzern LVMH die französische Tageszeitung „La Tribune“ übernehmen, das Partnerblatt des Handelsblatts. Die Verkaufsverhandlungen befinden sich auf der Zielgeraden.

Und seitdem fragen sich ganz Paris und die 189 Angestellten der Wirtschaftszeitung: Wer ist dieser Mann, der das schaffen will, was Milliardär und LMVH-Großaktionär Bernard Arnault in 14 Jahren nicht gelungen ist? Aus „La Tribune“ nicht nur eine angesehene, sondern auch eine profitable Tageszeitung zu machen. Derzeit verliert das Blatt pro Jahr zwischen zwölf und fünfzehn Millionen Euro bei einer Auflage von rund 77 000 Exemplaren.

In der Redaktion hat Weill bisher einen eher positiven Eindruck hinterlassen. „Von allen Kandidaten, die sich für unser Blatt interessiert haben, hat sich Weill ganz klar am intensivsten damit befasst“, meint ein Redakteur. So stellte Weill den Bankern von Lazard, die mit dem Verkauf betraut sind, die meisten Fragen, als er die Details der Zeitung unter die Lupe nahm.

Worauf die „Tribune“-Kollegen bauen, was sie aber zur selben Zeit sorgt, sind Weills bisheriger Erfolge als Sanierer. „Skrupel kennt er nicht“, sagt ein anderer „Tribune“-Redakteur illusionslos. Mit der Übernahme der französischen Wirtschaftszeitung riskiert Weill weniger sein persönliches Vermögen – LVMH spendiert laut Medienkreisen noch einmal 45 Millionen Euro Anschubhilfe. Weill setzt vor allem sein persönliches Renommee aufs Spiel: Gelingt ihm die „Tribune“-Sanierung, steigt er in den französischen Unternehmerolymp auf. Im Falle eines Scheiterns würde das seine bisherigen Erfolge vergessen lassen.

Der Vater von zwei Töchtern hat sich von Beginn seiner Karriere an für Medien interessiert. Ein erstes Praktikum beim Sender Europe 1 verlief aber wenig glorreich. Mitte der 80er-Jahre steigt der Absolvent der Wirtschaftshochschule HEC in das Management des Radiosenders NRJ ein, wo der damalige Senderchef Jean-Paul Baudecroux zu einer Art Ziehvater wird. „Er hat eine Qualität, die mich immer etwas verblüfft hat“, meinte Baudecroux einmal über Weill, „das ist seine Fähigkeit, sich stets in jeder Situation zu kontrollieren.“

Seite 1:

Ein Radiomann übt Zeitung

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%