Alcatel-Lucent
Verwaayen, der krisenerprobte Motivator

Der franko-amerikanische Telekommunikationsausrüster Alcatel-Lucent will 2009 und 2010 jeweils eine Milliarde Euro einsparen. Um das Ziel zu erreichen, solle die Zahl der leitenden Angestellten um 1000 und die der Zeitarbeiter um 5000 gesenkt werden, teilte der Konzern am Freitag in Paris mit. Damit wolle der neue Chef Ben Verwaayen bereits im kommenden Jahr die operative Gewinnschwelle erreichen.

HOLGER ALICH | PARIS

Die bestehenste Eigeschaft von Bernadus "Ben" Verwaayen springt bei seinen Presseauftritten sofort ins Auge: Der neue Alcatel-Lucent-Chef ist ein glänzender Kommunikator. Mit seinem optimistischen Wesen vermittelt er den Eindruck, zu glauben, was er sagt. "Wir müssen den Netzanbietern dabei helfen, an den neuen Anwendungen mitzuverdienen, die im Internet populärer werden wie Video", erklärt er bei der Vorstellung seiner neuen Strategie. Dabei läuft er aufgeregt wie ein Missionar auf der kleinen Bühne auf und ab und blickt eindringlich durch die randlose Brille ins Publikum.

Das besteht zumeist aus Finanzanalysten. Und die verziehen keine Miene. Aufsehen erregt der neue Alcatel-Lucent-Chef bei ihnen weniger mit seinem neuen Strategie-Plan - Abbau von 1000 Managerstellen, neue Einsparungen von 750 Mio. Euro im vierten Quartal und Fokussierung der Forschungsgelder auf Kernbereiche wie optische Netze - sondern mit seiner neuen Markterwartung:

Laut Verwaayen schrumpft im nächsten Jahr der Markt für Telekomausrüstung um acht bis zwölf Prozent - das ist ein deutlich düsterer Ausblick als ihn Konkurrenten wie Nokia geben; die Finnen rechnen nur mit einem Rückgang um rund fünf Prozent. "Das hat schon den Charakter einer Gewinnwarnung" meint ein Analyst. Verwaayen verteidigt sich: "Wir wollen vorsichtig sein. Wenn die anderen Recht haben, dann gibt es eine Party - und wir sind sogar eingeladen."

Er weiß: Hochtrabende Prognosen und nicht-gehaltene Versprechen, damit hat Alcatel-Lucent die Finanzmärkte genug genervt. Also stapelt der neue Mann an der Spitze des US-französischen Telekomausrüster bewusst tief, um in jedem Fall die ausgegeben Ziele halten zu können. So sagt das Management für das Jahr 2009 schon mal einen Gewinn vor Zinsen und Steuern nahe Null voraus. 2010 soll es dann besser laufen mit einer "mittleren einstelligen Gewinnmarge".

Der quirlige Niederländer leitet den Telekomausrüster erst seit September. Für die kurze Zeit sei der neue Plan schon sehr umfassend, loben die Analysten des Brokers Cheuveux. "Die Umsetzung der Kostenreduzierung wird eine Herausforderung werden", urteilen sie. Wegen der düsteren Gewinnerwartungen schickte die Börse die Aktie aber mit elf Prozent talwärts.

Seit der Fusion im Jahr 2006 hat Alcatel-Lucent nur Verluste geschrieben. Nach sieben Quartalen in Folgen mit Verlusten von insgesamt 4,8 Mrd. Euro platzte der Verwaltungsrat von Alcatel-Lucent der Kragen und sie warfen im Sommer das Gründerduo Pat Russo (CEO, Ex-Lucent-Chefin) und Serge Tchuruk (Verwaltungsratchef, Ex-Alcatel-Chef) raus.

Das Unternehmen ist stark im Festnetz-Geschäft und hat z.B. die ADSL-Technik maßgeblich entwickelt. Bei der Mobilfunk-Ausrüstung habe der Konzern einen Rückstand gegenüber den Konkurrenten wie Ericsson, so Experten. Vor allem Wertberichtigungen auf den US-Mobilfunk-Standard CDMA lasten auf den Gewinnen, hinzu kommt ein knallharter Preiswettbewerb, und die Tatsache, dass die Telekom-Konzerne ihre Netzinvestitionen kürzen.

Aus diesem Dilemma soll nun das das neue Duo aus Verwaayen und dem Ex-EADS-Chef Philippe Camus als Verwaltungsrat-Chef den Konzern befreien. Eine der ersten Aufgaben ist es, die demoralisierten Truppen wieder aufzubauen; die Mitarbeiter können die Restrukturierungspläne kaum mehr mitzählen. Nach den Ankündigungen von Freitag steigt die Zahl der Stellenstreichungen auf 22 500.

"Ben ist jemand, der Leute motivieren kann", lobt ein Freund. Verwaayen räumt ein, dass er hierbei noch jede Menge Arbeit hat: "Das Problem ist weniger, dass es noch ein Alcatel-Lager und ein Lucent-Lager gibt", meint er, "sondern, dass die Leute aus der IP-Produktsparte nicht eng genug mit den Leuten der Mobilfunk-Sparte zusammen arbeiten."

Eine ähnlich desolate Lage wie bei Alcatel-Lucent fand der studierte Jurist bei British Telecom vor, als er die Leitung des Ex-Monopolisten 2002 übernahm. Der hartnäckige Verwaayen setzte auf das Festnetz und Breitband-Internetanschlüsse und hauchte so BT neues Leben ein.

Auch Alcatel-Lucent will er zu neuer Große führen: "Alcatel-Lucent muss zu einem normalen Unternehmen werden", doziert er, "das heißt, dass die Leute den Sinn der Gesellschaft verstehen."

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