Alle warten mit Spannung auf neue Impulse
Ende der Schonfrist für Michael Diekmann

Nach 100 Tagen im amt als Vorstandsvositzender steigt der Druck auf den Allianz-Chef.

MÜNCHEN. Es dauert mehr als fünf Stunden, bis endlich der spricht, auf den alle warten. So lange sitzt Michael Diekmann vorne auf dem Podium der Münchener Olympiahalle und lässt seinen Mentor reden. Einen letzten Tag ist Henning Schulte- Noelle, 60, Chef des Versicherungskonzerns Allianz, mit Ende der Hauptversammlung wird Diekmann, 48, übernehmen.

Und als der an diesem 29. April endlich spricht, setzt er gleich Akzente. „Falsch verstandener Stolz“ dürfe nicht dazu führen, dass harte Veränderungen durch ein „gesichtswahrendes Weiter-so“ verhindert werden, sagt er – erste Kritik am bisherigen Vorgehen. Worte, die einiges erwarten lassen.

Das war vor 100 Tagen. Doch seitdem hat sich Diekmann kaum in der Öffentlichkeit gezeigt. Er weiß genau, dass die Hoffnungen auf ihm ruhen, insbesondere die der Aktionäre und der Analysten. Alle warten mit Spannung auf neue Impulse. Der Druck steigt, die Allianz-Aktie in Vorfreude auch schon. Fest steht: Die Schonfrist ist jetzt vorbei. Diekmann, erst der neunte Chef in 113 Jahren Allianz-Geschichte, wird bald Farbe bekennen müssen. Erste Schritte lassen erkennen, dass er pragmatisch vorgeht. So trennte sich die Allianz von Aktien der Münchener Rück, von Conti oder der Deutschen Börse. In Chile und Südkorea wurde das Geschäft mit Versicherungspolicen aufgegeben.

Auf den ersten Blick ähneln sich die zwei gelernten Juristen Diekmann und Schulte-Noelle: Beide sind hoch gewachsen und wirken sportlich, beide haben ihre Karrieren bei der Allianz gemacht und verkörpern die zurückhaltende Kultur des Versicherers. Doch der gebürtige Bielefelder Diekmann ist deutlich lockerer. Mit dem etwas rauen Charme der Ostwestfalen geht er auf die Mitarbeiter zu, sucht das Gespräch.

Diekmann muss den schlingernden Konzern, der im vergangenen Jahr tief in die roten Zahlen gerauscht ist, wieder auf Kurs bringen. Auch im ersten Quartal 2003 stand noch ein hoher Verlust zu Buche. „Geld verdienen, das ist jetzt das A und O“, predigt Diekmann seinen Leuten deshalb: „Auf dem Weg zur Profitabilität gibt es keine Tabus mehr.“

Schulte-Noelle, inzwischen Chef des Aufsichtsrats, hat den Konzern in seinen zwölf Jahren Amtszeit zu einem global agierenden Finanzdienstleister umgebaut. Doch er hinterlässt ein schwieriges Erbe. 24 Milliarden Euro bezahlte er für die Dresdner Bank – eine schwere Hypothek für Diekmann. Weltweit brennt es an mehreren Stellen, sei es bei internationalen Tochtergesellschaften oder im Industrieversicherungsgeschäft. Die Ratingagenturen machen zunehmend Druck, die jüngste Erholung an den Börsen reicht noch nicht aus.

Viel Arbeit für Diekmann, und wohl wenig Zeit für seine Hobbys. Am liebsten werkelt er in der Freizeit im Garten seines Landhauses südlich von München. Bei dieser Arbeit könne er am besten entspannen, sagt Diekmann. Er dürfte die Entspannung brauchen können.

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