Allgemeines Gleichstellungsgesetz
Entfernen Sie die Nackedeis!

Seit Inkrafttreten des Antidiskriminierungsgesetzes sind die Zeiten vorbei, in denen Mitarbeiter wie selbstverständlich schlüpfrige Bildchen am Arbeitsplatz aufhängen konnten, ohne Sanktionen fürchten zu müssen. Doch viele Chefetagen halten die Nackedeis immer noch für lässliche Verfehlungen - eine Fehleinschätzung, die sich bitter rächen könnte.

DÜSSELDORF. Sind Sie sicher, dass in Ihrem Unternehmen kein Mitarbeiter einen Bildschirmschoner mit nackten Damen oder Bikini-Schönheiten auf seinem PC hat? Der – rein theoretisch jedenfalls – vorbeigehende Frauen sexuell belästigen könnte? Und sind Sie sicher, dass vom Keller bis zum Dach in Ihrer Firma kein Pirelli-Kalender oder Playboy-Poster an der Wand hängt? Denn nachdem das Antidiskriminierungsgesetz (AGG) seit neun Monaten in Deutschland gilt, können solche kleinen Verschönerungen des männlichen Arbeitsalltags teuer werden – oder jedenfalls dicken Ärger einbringen.

Eigentlich müsste inzwischen in jedem Unternehmen eine so genannte Ortsbegehung stattgefunden haben. Tatsächlich hat eine solche physische AGG-Inventur bisher aber nur in jedem achten Unternehmen stattgefunden, zeigt eine Benchmark-Studie der Hochschule Niederrhein im Auftrag des Informationsdienstleisters Datakontext, für die 1 800 Unternehmen jedweder Größenordnung und quer durch alle Branchen befragt wurden.

Eine Begehung hat es bei Vattenfall auch noch nicht gegeben: „Wir erwarten, dass unsere Mitarbeiter sich an das AGG halten“, formuliert Anneli Meincke, Personalmanagerin bei dem Berliner Energiekonzern. Ihr Unternehmen hat als Vorsorgemaßnahme gegen Klagen „allen Mitarbeitern Info-Broschüren geschickt und abzeichnen lassen, dass sie sie gelesen haben“, erzählt Meincke. Eigene Schulungen mussten alle Geschäftsführer, Vorstände, Bereichsleiter bis hinunter zum Abteilungsleiter mit Führungsverantwortung für nur drei Mitarbeiter absolvieren.

Das haben noch lange nicht alle Unternehmen getan: 23 Prozent der Firmen haben bis heute Ihre Mitarbeiter nicht über die neuen Gesetzespflichten informiert, die sie zum Beispiel gegenüber Kollegen und Kunden haben – niemanden zum Beispiel wegen seines Geschlechts, Rasse oder Alters zu benachteiligen. 26 Prozent der Unternehmen haben ihre Führungskräfte nicht geschult. „Obwohl sie sich dadurch weniger angreifbar machen“, wundert sich Datakontext-Geschäftsführer Hans-Günter Böse.

Dabei müssen Manager auch persönlich um ihre Karriere fürchten, wenn Sie über das Antidiskriminierungsgesetz stolpern. Georg Annuß, Arbeitsrechtler der Kanzlei Nörr Stiefenhofer Lutz in München, warnt, dass dies „besonders bei anglo-amerikanischen Unternehmen gilt“. Denn: „Diese verlagern die Aufgabe, Verstöße gegen Diskriminierungsverbote zu verhindern, auf Führungskräfte wie Bereichs- oder Abteilungsleiter. Wenn dann in einer Abteilung mehrere Fälle von Diskriminierung auftauchen, muss der verantwortliche Manager mit allen arbeitsrechtlichen Sanktionen rechnen – von Abmahnung bis Versetzung oder Kündigung“, so der Jurist.

Seite 1:

Entfernen Sie die Nackedeis!

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%