Allianz-Deutschland-Chef
Gerhard Rupprecht: Der pragmatische Theoretiker

Der Deutschland-Chef der Allianz, Gerhard Rupprecht, muss Überzeugungsarbeit leisten: Seit Donnerstag ist das ganze Ausmaß des Umbaus bekannt, den der Chefreformer dem Versicherer verordnet hat.

MÜNCHEN. Seine Dissertation am mathematischen Institut der Universität Stuttgart dreht sich um die „nichtlineare Theorie stark gebeulter Schalen in lastfreiem Zustand“. Als Gerhard Rupprecht 1978 seine Doktorarbeit verfasst, kann er nicht ahnen, dass er 28 Jahre später praktisch für eines der umfangreichsten Reformprojekte in der deutschen Unternehmensgeschichte verantwortlich sein wird. Seit Donnerstag ist das ganze Ausmaß des Umbaus bekannt, den Rupprecht dem Versicherer Allianz im Auftrag seines Konzernchefs verordnet hat.

Rupprecht, hohe Stirn, scharfer Blick und keine Emotionen – so hat man sich früher den Generaldirektor im deutschen Assekuranzwesen vorgestellt. Dabei ist Rupprecht immer auch Intellektueller gewesen. Und so kennt er sich mit den sehr theoretischen Axiomen von Andrei Kolmogorow (Wahrscheinlichkeitstheorie) ebenso gut aus wie mit den eher praktischen Problemen seiner Vertriebsleute. Auch deshalb ist er Chefreformer geworden, eine Rolle, die ihm gar nicht auf den Leib geschnitten scheint.

Gerhard Rupprecht, das ist eine Allianz-Karriere. Geboren in Nürnberg 1948, studiert er in Stuttgart, ein kurzer Ausflug zum Elektrokonzern SEL, dann seit 1979 Versicherung. Allianz Leben, um genau zu sein. Schnell bringt er es zum Leiter der mathematischen Abteilung. Im Januar 1991 wird er Vorstandsmitglied in Stuttgart, kaum zehn Monate später rückt er zum Chef der Lebensparte auf. In seiner Stuttgarter Zeit, die schon die „Ära Rupprecht“ genannt wird, gewinnt die Lebensversicherung Marktanteile und Rupprecht zunehmenden Einfluss im Konzern. Rupprecht, das ist die Macht aus Stuttgart, man hört ihm das heute an, er schwäbelt. Dank seiner vorsichtigen Anlagepolitik wird seine Gesellschaft von der Börsenbaisse weniger getroffen als mancher Konkurrent.

Als sich die Umbaupläne des neuen Konzernchefs Michael Diekmann im Lauf des Jahres 2005 konkretisieren und der Chef der Sachversicherung, Reiner Hagemann, den Konzern im Streit verlässt, schlägt, für viele unerwartet, Rupprechts Stunde: Diekmann macht den spröden Versicherungsmanager zum Chefreformer in Deutschland, Rupprecht rückt an die Spitze der neuen Deutschlandholding. Dort hat er den Umbauprozess Schritt für Schritt und in letzter Konsequenz auch offen in die Tat umgesetzt. Immer wieder tauchte dabei die Behauptung auf, die Allianz werde 8 000 Stellen streichen.

Immer wieder hat Rupprecht dementiert: „Wir überlegen, Abteilung für Abteilung, was wir ändern müssen. Erst wenn das Ziel und der Weg dahin klar sind, entscheiden wir, mit wie vielen Mitarbeitern wir diesen Weg gehen können.“ Am Ende sind es allein in der Allianz 5 700 Vollzeitstellen geworden. Man kann spekulieren, ob das mehr oder weniger sind als befürchtet. Fakt ist, dass nicht nur Tausende Jobs auf dem Spiel stehen, Zigtausende Allianzler werden zudem ihren Arbeitsplatz wechseln müssen. Rupprechts neue Allianz wird ganz anders sein. Die Gewerkschaft will dem gebürtigen Franken nicht folgen. Seine ihm eigene Kühle macht ihn zum dankbaren Objekt der Kritik: Rupprecht, ein von den Finanzmärkten getriebener Jobkiller.

Das wäre für den stets Pflichtbewussten kein großes Problem, strahlte nicht auch Konzernchef Diekmann emotionale Armut aus. Deren scheinbar kühle Berechnung passt schlecht zur heimeligen Atmosphäre, die sich in Jahrzehnten unter dem Dach der großen Allianz breit gemacht hat. Darum ist Rupprecht jetzt als Überzeugungsarbeiter gefordert.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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