Allround-Anwalt mit viel Idealismus
Rudin Hood

Johann-Christoph Rudin hat am 16. Januar 2002 in Hamburg den „Showdown im Copyshop“ abgezogen, wie der „Spiegel“ damals titelte. Mit einer Art Rollkommando hat der Zürcher Anwalt 800 Aktenordner in einem Lagerhaus der Hansestadt an sich gebracht und in eine eigens gemietete Drei-Zimmer-Wohnung verfrachtet.

HB ZÜRICH. Er hat darüber hinaus einen Kopierladen in der Grindelallee für ein Wochenende gebucht, studentische Hilfskräfte inklusive. Einzige Voraussetzung: Die Studenten dürfen kein Wort Deutsch verstehen. Sie kopieren Tag und Nacht und schaffen Akte für Akte in die Schweiz. Raus aus dem Einflussgebiet von Alexander Falk, dem Millionenerben und damaligen Noch-Star der sterbenden New Economy.

Und Rudin wurde fündig: In einem unbeschrifteten Ordner entdeckte sein Team das Protokoll einer Sitzung, aus dem hervorging, mit welcher kriminellen Energie Falk und seine Getreuen Umsätze einer Firma aus ihrem Imperium künstlich nach oben getrieben hatten. Wegen ihrer schönen Zahlen konnte Falk die Ision AG später für 812 Millionen Euro verkaufen.

Viel Freude an seinem Anteil aus dem Verkauf hatte er jedoch nicht. Wegen Rudin sitzt der smarte Millionenerbe in einem Hamburger Gefängnis in Untersuchungshaft. Seit Dezember läuft der Prozess vor dem Hamburger Landgericht wegen Betrugsvorwürfen und wird sich wohl bis Mitte des Jahres hinziehen.

Der Weg in die Kanzlei von Rechtsanwalt Rudin in einem der schöneren Stadtviertel von Zürich wird durch eine massive Stahltür versperrt. Daneben ein Tastenfeld. Außerhalb der Besuchszeiten kommt nur der hinein, der den Code kennt. „Grundsätzlich habe ich natürlich Angst vor Leuten, die sich rächen wollen. Aber ich lasse das nicht zu. Denn Angst macht unfrei“, sagt Rudin, ein behäbig wirkender 40-Jähriger mit hoher Stirn und dünnrandiger Brille. Sein Hund Fidel, eine Terriermischung, streift ihm um die Beine. Draußen parkt wahrscheinlich der Audi, vielleicht auch der 72er-Ford Mustang. Rudin ist ein Autonarr, fährt sogar gelegentlich Rennen. Seine Gegner dürften ihn unterschätzen.

Sandra Willmeroth, Autorin des kürzlich erschienenen Buches mit dem Titel „Der 800-Millionen–Jackpot“, das den Untergang von Falks Imperium schildert, beschreibt Rudin als „Allround-Anwalt mit einer gehörigen Portion Idealismus“.

Davon braucht „Rudin Hood“, wie ihn die Autorin nennt, tatsächlich eine Menge, denn er ist sozusagen im Nebenjob Präsident der Schutzgemeinschaft der Investoren in der Schweiz. Aber „Anlegerschutz“, klagt Rudin, „ist nie gut dotiert“. Es sei ein Kampf mit begrenzten Ressourcen. Und mit stumpfen Waffen. Die Rechte der Aktionäre sind in der unternehmerfreundlichen Schweiz noch weniger ausgeprägt als in Deutschland. „Da können Anlegerschützer keine Wächter sein“, stellt er nüchtern fest. Die Aufgabe verschiebe sich in eine politische Richtung. „Wieso versagt der Staat beim Anlegerschutz?“ lautet eine Frage, die Rudin vergangene Woche auf einer Podiumsdiskussion der Schutzgemeinschaft stellte.

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