Als Führungskraft in China
Gummibärchen öffnen Türen

Der Chef steht in China unter besonders kritischer Beobachtung. Für Ausländer ist es nicht einfach, chinesische Mitarbeiter zu führen und notorische Jobhopper zu halten. Für Spitzenkräfte muss die Firma jedes Jahr ein wenig drauflegen - sonst sind sie weg.

PEKING. Fünf Jahre schon war der Deutsche als Geschäftsführer der Niederlassung in China. Er mühte sich redlich – aber immer wieder kam es zu Fehlentscheidungen. Einziges Sprachrohr war seine chinesische Assistentin, die stets korrekt übersetzte. Was er nicht ahnte: Die feinen Zwischentöne ließ sie unter den Tisch fallen. Zeigten sich im Gespräch Fallstricke oder Probleme, überließ sie es dem Boss, diese herauszufinden, wunderte sich Sun Xiangyan, Chef der renommierten Pekinger Werbe-, Event- und PR-Agentur Logistix.

Sun, der mit 13 Jahren nach Deutschland kam und in Wien studierte, merkte schnell, warum die Chinesin ihren deutschen Chef immer ins Messer laufen ließ: Nicht aus Böswilligkeit. Nein, der Deutsche hatte nur kein Vertrauensverhältnis zu seiner engsten und damit wichtigsten Mitarbeiterin aufgebaut. Sun ist überzeugt: „Wäre der Chef nicht so distanziert, hätte die Chinesin persönliche Verantwortung empfunden und ihn gewarnt.“

„Respekt und Feinfühligkeit sind besonders wichtig im Umgang mit chinesischen Mitarbeitern und Kollegen“, weiß Ulrike Nieter, die seit über zehn Jahren in leitender Position in China tätig ist. Respekt bedeutet in erster Linie: Achtung der kulturellen Unterschiede, betont Charles Tseng, Asien-Pazifik-Chef der Headhunter Korn/Ferry. „Nur wer die Tradition Chinas respektiert, bekommt Vertrauen und Feedback – wenn auch kein direktes. Besserwisser sind fehl am Platze.“

Zu den vertrauensbildenden Maßnahmen gehört am besten ein Grundwortschatz der chinesischen Sprache. Nieter warnt: „Viele Expats, die kein Chinesisch können, kapseln sich ab und sehen so das Land nur durch die Brille ihrer Sekretärin.“ Ihr Rat: „Ein Chef sollte nicht nur mit anderen Ausländern zu Mittag essen, sondern sich unter die Mitarbeiter mischen.“ Sun ergänzt: „Deutsche Chefs machen oft den Fehler, nur im Büro zu bleiben.“ Sie sollten „Guten Morgen“ wünschend durch Gänge und Werkshallen gehen, Mitarbeiter mit Namen begrüßen, sich nach der Familie erkundigen – und auch mal mit den Fließbandarbeitern plaudern. Sun betont: „Freundlichkeit der Führungsperson wird als Respekt verstanden und öffnet Türen.“

Zwischenmenschliche Brücken baut auch, wer – wie die Chinesen – von Geschäftsreisen engsten Mitarbeitern etwas mitbringt, regionale Spezialitäten etwa: „Eine dicke Tüte deutscher Gummibärchen rumgehen zu lassen – eine kleine Geste mit großer Wirkung. Chinesen würdigen es als Zeichen, dass der Kollege an sie denkt“, erklärt Nieter. Wichtig ist auch, kranken Mitarbeitern Mitgefühl zu zeigen. Sun: „Gesundheit zählt bei uns viel mehr als etwa ein Projekt.“ Ein Genesungsanruf ist das Mindeste und diesen empfinden Chinesen auch nicht als Kontrolle.

Der Boss – gerade als Langnase – steht unter besonders kritischer Beobachtung und sollte stets Vorbild sein. Sun: „Wer im Urlaub nicht wenigstens per Mail erreichbar ist, kommt bei Chinesen ganz schlecht an. Er vermittelt das Gefühl, keinen Wert auf die Arbeit zu legen. Und warum sollte sich dann der Mitarbeiter ins Zeug legen?“ Gelingt es einem Ausländer nicht, Vertrauen aufzubauen, können Chinesen unerwartet rabiat werden. „Dann schicken sie schon mal anonyme Briefe an den Chef und erfinden die tollsten Anschuldigungen, um den Kollegen loszuwerden“, erzählt Chinaexpertin Nieter.

Der Umgang mit chinesischen Mitarbeitern ist für ausländische Firmen heute oft geschäftsentscheidend. Denn der Kampf um die Talente wird härter. Headhunter Tseng: „Jobhopping ist in China extrem verbreitet. In der High-Tech-Branche bleibt kaum einer länger als zwei Jahre.“ Nach einer Umfrage von Korn/Ferry will sich über die Hälfte der Manager bald schon beruflich verändern. Von Jobhoppern kann Hela Helmy, Geschäftsführerin eines Pharma-Joint-Ventures in Peking ein Lied singen. „Gerade im Marketing und Verkauf sind die Talente rar. Und Headhunter werben aggressiv ab.“

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