Alte Autos
Unstete Geliebte

Der Präsident der Luxus-Marke Chopard, Karl-Friedrich Scheufele, sammelt mit Begeisterung Auto-Oldtimer und fährt sie auf internationalen Rallyes. Sie sind ihm Leidenschaft, aber auch mechanische Studien-Objekte für seine Produkte.

Karl-Friedrich Scheufele muss vierzehn gewesen sein, vielleicht auch fünfzehn, als ihn sein Vater das erste Mal mitnahm, um die Welt der Autos lieben zu lernen. Alle Wagen waren für ihn bis dahin ein simples Fortbewegungsmittel gewesen, seelenlose Maschinen, die einen von A nach B brachten, mal mit lauterem, mal mit leiserem Getöse. An jenem Tag jedoch blieb er staunend vor dem Gefährt stehen und blickte auf die makellose Lackierung des Metalls. Es war ein Jaguar, irgendwann in den sechziger Jahren montiert, eine Karosse von wunderbar zeitloser Erhabenheit und Eleganz. Als der heutige Co-Präsident von Chopard, Karl-Friedrich Scheufele, kurze Zeit später das erste Mal selbst am Steuer saß, spürte er, dass es von nun an zwei Arten von Autos geben würde. Solche, die nach wie vor nur Maschinen waren. Und solche, die die Fähigkeit hatten, ihn auf seltsame Weise anzurühren.

Der Aston Martin Ulster, Baujahr 1935, ist so einer. Er parkt vor der Manufaktur von Chopard in Genf, mitten im Industriegebiet. Oben ziehen Flugzeuge im Minutentakt über den Himmel. Auf der dunkelgrün lackierten Karosserie spiegeln sich die letzten Strahlen der Abendsonne, nur dort nicht, wo sich braune Ledergurte über die Motorhaube spannen und sie an Ort und Stelle halten. Karl-Friedrich Scheufele lässt ein paar Mal den Motor aufheulen, ein dunkles, ohrenbetäubendes Grollen unter der Motorhaube quillt nach draußen. „Dieser Wagen“, sagt er, „liegt mir besonders am Herzen. Er ist nicht nur besonders schwierig zu fahren, denn Gas-, Kupplungs- und Bremspedal sind vertauscht. Sondern auch sehr selten.“

Lediglich siebzehn Mal sei der Wagen gebaut worden, konzipiert für das Mensch und Maschine zermürbende Rennen im französischen Le Mans. Damals mussten die Wagen noch anderen Ansprüchen genügen, mussten nicht nur das Rennen bewältigen, sondern auch die Wegstrecke hin- und wieder zurückschaffen. Karl-Friedrich Scheufele erzählt das so, als sei er stolz auf die Wagen. Dass die es damals geschafft haben.

Er sammelt, ebenso wie sein Vater, Oldtimer. Wie viele, verraten beide nicht. „Das sind Details, die wir gerne vor unseren Frauen geheim halten.“ Nur so viel: Der Sohn sammelt rationaler als der Vater. Wenn ein Wagen neu dazukommt, muss ein anderer weg. „Dass ich für den Aston zwei Wagen fortgegeben habe, hat mir mein Vater bis heute nicht verziehen.“ Wenn man Karl-Friedrich Scheufele nach modernen Wagen fragt, nach den Limousinen, in denen Unternehmer wie er normalerweise fahren, macht er eine wegwerfende Geste. „Zum Einschlafen langweilig“, sagt er dann, „die modernen Autos haben keinerlei Ansprüche an den Fahrer. Fahre ich mit einem alten Auto, muss ich mich so konzentrieren, dass ich alles andere vergesse. Man weiß mit so einem Wagen zwar, wann man losfährt. Aber nie, wann man ankommt. Die modernen Autos haben diesen Charme der Mechanik nicht mehr.“

Und er ist ja ein Mann der Mechanik. 1963, als sein Vater Karl Scheufele III. die Firma „le Petit-fils de L.U. Chopard et Cie, Fabrique des Montres L.U.C“ von Paul-André Chopard übernahm, war Karl-Friedrich fünf Jahre alt. Dem alten Chopard mangelte es an Nachwuchs, dem jungen Karl Scheufele an einem zukunftsträchtigen Betrieb, und so wurden sich die Männer bald einig. Karl-Friedrich lernte an der Seite seines Vaters die Aufregungen der Mechanik kennen, die Uhrwerke zum Laufen brachte, das kunstvolle Zusammenspiel Dutzender oder gar Hunderter von Rädchen und Schräubchen, die sich unter den Händen der Uhrmacher zu einem großen Ganzen vereinigten. Bald schien ihm das Wie aufregender als das Was, die Tatsache, wie die Räder ineinander griffen, erstaunlicher als die Tatsache, dass auf dem Ziffernblatt die Uhrzeit angezeigt wurde.

Wahrscheinlich war es das, was ihn schließlich zu den Autos brachte. „Mechanische Uhren und alte Autos sind in ihrem Wesen gleich“, sagt Karl-Friedrich Scheufele, während er tief in den Polstern des Aston Martin sitzt. „Ihr Wert liegt nicht ausschließlich in der Optik, sondern in dem, was sie im Inneren zum Laufen bringt. Der Geist, der dahinter steckt.“ So hat er im Jahr 1996 eine weitere Manufaktur in Fleurier gegründet, etwa zwei Stunden von Genf entfernt. In Fleurier werden ausschließlich eigens entwickelte Kaliber verwandt, Uhrwerke, die ausschließlich auf Substanz ausgerichtet sind, darauf, der immer schneller werdenden Zeit einen beständigen Wert entgegenzustellen. Nach Fleurier fährt Karl-Friedrich Scheufele meist mit einem seiner Oldtimer. Etwas anderes würde nicht passen.

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