Am Ende seiner Amtszeit will Alcatel-Sanierer Serge Tchuruk noch beweisen, dass er auch Stratege ist
Der letzte Anlauf

Serge Tchuruk hat mal wieder einen Neuen. Der Chef des französischen Telekomausrüsters Alcatel setzte am Dienstag Mike Quigley, bisher verantwortlich für die Festnetz-Sparte, auf den Stuhl der Nummer zwei bei Alcatel als Chief Operating Officer.

PARIS. Damit steigt der Australo-Brite, der zwei Staatsbürgerschaften besitzt, auch zum Nachfolger des Alcatel-Herrschers Tchuruk auf. Doch der Job ist ein Feuerstuhl: Denn der Alcatel-Chef verschliss in seinen zehn Jahren Amtszeit bereits drei Kronprinzen. Und wenn es nach Tchuruk geht, bleibt er bis 2008 Vorstandschef.

Der mächtige Mann, der im November 68 Jahre alt wird, will dazu eigens von der Hauptversammlung am 20. Mai die Statuten ändern lassen. Die Funktionen Präsident und Generaldirektor, die er bislang innehat, sollen getrennt werden. Im Gegenzug erbittet Tchuruk von den Aktionären eine Gnadenfrist: Das Höchstalter für den Alcatel-Präsidenten soll auf 70 Jahre heraufgesetzt werden.

Zwei Jahre länger unter Tchuruks harter Hand zu arbeiten, diese Per-spektive ließ die bisherige Nummer zwei Alcatels, Philippe Germond, derart erschaudern, dass dieser entnervt aufgab. Germond war 2002 von der Vivendi-Tochter Cegetel zu Alcatel gekommen. Er hatte gehofft, den seit zehn Jahren amtierenden Alcatel-Chef beerben zu können.

Doch Tchuruk will erst abtreten, wenn er bewiesen hat, dass er nicht nur Sanierer, sondern auch Stratege ist. Bislang ist er vor allem durch Unternehmensverkäufe und einen schonungslosen Sanierungskurs auf-gefallen. Sein bisher größtes Über-nahmeprojekt aber, der Kauf des Wettbewerbers Lucent im Jahr 2001, schlug fehl – aus heutiger Sicht ein Glücksfall für Alcatel.

„Er klebt nicht am Stuhl, er will Alcatel stabiler machen“, sagt Fran-çois Duhen, Analyst beim Pariser Broker CIC. Ausgangspunkt dieses Industrieprojekts ist Alcatels neun-prozentige Beteiligung am Rüs-tungselektronik-Spezialisten Thales. Tchuruk will das zyklische Geschäft der Telekomausrüstung von Alcatel durch ein Engagement im Militärbereich ausgleichen.

Verschiedene Szenarien machen die Runde. Eines davon sieht vor, dass Alcatel sein Satellitengeschäft in Thales einbringt und im Gegenzug seine Beteiligung an dem Rüstungsunternehmen aufstockt. Analysten können sich auch vorstellen, dass Alcatel sein Satellitengeschäft an Thales abgibt, um im Gegenzug die Sparte Militärkommunikation zu übernehmen. „In jedem Fall gibt es einige Fragen in Bezug auf die Strategie“, meint Thomas Langer, Analyst der WestLB. Ihm wäre es am liebsten, Alcatel würde sich aus dem Militärgeschäft zurückziehen.

Das soll die Ex-Nummer zwei, Philippe Germond, genauso gesehen haben und ist abgetreten. In dem Zusammenhang wird aufmerksam registriert, dass der neue COO, Quigley, sich nur um das Telekomgeschäft, nicht aber um die Militärsparte kümmern soll. Die Experten von Dresdner Kleinwort Wasserstein zweifeln daran, „inwieweit Quigley wirklich Einfluss auf die Strategie und die Geschäftsentwicklung von Alcatel haben wird“.

Denn Tchuruk gilt als Autokrat. Seine Wutausbrüche sind gefürchtet. Sein Schulfreund und späterer Chef der Bank Crédit Lyonnais, Jean Peyrelevade, nannte ihn den „kleinen Kalten aus Marseille“. Tchuruk, 1937 als Sohn armenischer Gewürzhändler geboren, hat den Ruf eines eisenharten Sanierers.

Nach der Ausbildung an der Elite-schule Polytéchnique strebt der In-genieur in die Rüstungsindustrie. Doch er heiratet 1960 eine polnische Einwanderin. Mit einer Frau aus einem Warschauer-Pakt-Staat kann er seine Rüstungskarriere an den Nagel hängen. Er geht in die USA und arbeitet für den Ölkonzern Mobil, wo er den zupackenden Managementstil kennen lernt.

Nach Stationen bei Rhône-Poulenc und Total übernimmt er 1995 die Führung bei dem Konzern, der damals noch Alcatel-Alsthom heißt, ein Gemischtwarenladen ist und tiefrote Zahlen schreibt. Der schlank und asketisch wirkende Tchuruk verordnet dem Konzern eine Rosskur. Beteiligungen, die nicht zum Kerngeschäft

Telekommunikation gehören, stößt er ab.

Doch als die Technologieblase platzt, erweist sich Tchuruks Konzentration auf Telekomtechnik als fatal. Aber er zeigt sich zäh: „Alcatel wird diese Krise nicht nur überwinden, sondern daraus auch stärker hervorgehen“, diktiert er im September 2002 Reportern in die Blöcke. Zweieinhalb Jahre später hat er es geschafft: Im vergangenen Jahr betrug die operative Marge acht Prozent; im Hype-Jahr 2000 lag sie nur bei 7,8 Prozent. Der Umsatz ist allerdings um 60 Prozent zurückgegangen.

Nachdem Tchuruk am Anfang sei-ner Karriere der Einstieg in die Rüstungsbranche verwehrt geblieben ist, scheint er dies nun im großen Stil nachholen zu wollen. Seine neue Nummer zwei, Mike Quigley, sollte sich dessen bewusst sein. Sein Vorgänger Germond wollte diese Strategie nicht mittragen.

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