Amgen-Chef Sharer
Ab in die Rettungsyacht

Es ist wohl Zeit, mal nach den Rettungsbooten zu schauen. Kevin Sharer, ehemaliger Marinesoldat der US Navy, steuert einen Konzern auf ungutem Kurs. Die Umsätze des 14 Milliarden Dollar schweren Biotech-Riesen Amgen brechen weg, die US-Gesundheitsbehörde warnt vor seinen Produkten, und im Internet kursiert eine Unterschriftenliste, um den Vorstandsvorsitzenden wegen „schlechter Führungsqualitäten, Arroganz und eines Desinteresses an Amgens Patienten, Aktionären und Mitarbeitern“ über Bord zu werfen.

HB DÜSSELDORF. Jahrelang meldete der Vorstandschef, in dessen Büro ein Gemälde des berühmten englischen Admirals Nelson hängt, nur Erfolge. Unter Sharer wandelte sich Amgen von einer Art Spitzenforschungszentrum zur Gelddruckmaschine mit drei Milliarden Dollar Gewinn. Und nun das. Kevin Sharer (59) muss sich vorkommen wie ein Luxusdampfer-Kapitän, dem im Maschinenraum die Füße nass werden.

Seinen Aufstieg bei Amgen bereitete er gut vor. Sobald Sharer 1999 die Zusage für den Chefposten hatte, nahm er ein Jahr Auszeit, tourte durch Amgens Labore und belegte sogar Biologie-Kurse. Mit 51, so dachte er sich, war dies seine letzte Chance, sich in der obersten Etage der amerikanischen Wirtschaft zu etablieren. Er wollte sie nicht vertun. Nicht noch einmal. „Kevin, vergiss einfach, dass du je hier gearbeitet hast“, sagte GE-Chef Jack Welch zu Sharer, als der ihn wegen einer Rückkehr zu General Electric anrief. Ein paar Jahre zuvor hatte Sharer GE verlassen, weil ihm dort die Türen zur Vorstandsetage nicht schnell genug aufsprangen. Also wechselte Sharer von GE zum Telefonkonzern MCI – wo man ihm eine faire Chance auf den Chefposten in Aussicht stellte.

Kaum bei MCI angekommen, merkte Sharer jedoch, dass längst ein interner Kandidat für die Thronfolge ausgeguckt worden war. Also marschierte er sechs Wochen nach Arbeitsantritt zum Aufsichtsrat und legte ein Restrukturierungsprogramm vor, das die etablierten Vorstände ins Abseits stellte. Der Aufsichtsrat lehnte ab, und Sharer war in der MCI-Führungsebene unten durch. Nun wollte er zurück zu GE, doch Welch blieb kurz angebunden. Einem wie ihm kehrt man nicht ungestraft den Rücken. So blieb Sharer nur die Flucht in die Provinz. Das kalifornische Städtchen Thousand Oaks, der Sitz von Amgen, war einst so öde, dass dort die TV-Serie „Rauchende Colts“ gedreht wurde. Trotzdem begnügte sich Sharer sieben Jahre lang mit einem Dasein als Nummer zwei von Amgen, bevor im April 2000 der Chefsessel frei wurde.

Dann allerdings schlug Sharer zu. Er feuerte Dutzende von Führungskräften. Die Unternehmenskultur bei Amgen war Sharer zu forschungslastig – in den Laboren gab es seiner Meinung nach zu viele Projekte mit zu ungewissem Ausgang. Sharer heuerte Manager von etablierten Pharmakonzernen wie Merck und GlaxoWellcome an – wo man mit der Kosten-Nutzen-Rechnung für Medikamente keine Probleme hatte.

Nun aber scheint es, als hätte Sharer die Kommerzialisierung seiner Produkte übertrieben. Hunderttausende von Dollar hat Amgen in den vergangenen Jahren an einzelne Ärzte gezahlt, damit sie seine Medikamente für neue Patientengruppen und in immer höheren Dosen verschreiben. Unabhängige Studien kamen aber zu dem Schluss, dass der Amgen-Blockbuster Aranesp etwa bei Krebspatienten nicht hilft, sondern schadet. Die US-Gesundheitsbehörde gab Warnungen heraus, die US-Börsenaufsicht ermittelt, ob Amgen seine Aktionäre über die neue Lage rechtzeitig informierte. Der Börsenkurs brach um 40 Prozent ein, Anleger haben Massenklagen eingereicht. Zum ersten Mal in seiner Geschichte muss Amgen Arbeitsplätze streichen – und zwar gleich jeden siebten.

Für Sharer scheint damit die Zeit an Bord von Amgen abzulaufen. Ein Sprung ins kalte Wasser droht ihm aber nicht. Allein in den vergangenen fünf Jahren war sein Gehaltspaket mehr als 75 Millionen Dollar schwer. Genug also, um in einer gut gepolsterten Rettungsyacht in den Sonnenuntergang zu segeln.

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche
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