Analyse: Das Positive am Vaterschaftstest-Urteil

Analyse
Das Positive am Vaterschaftstest-Urteil

Heimliche Vaterschaftstests bleiben vor Gericht wertlos. Warum das Urteil des Bundesverfassungsgerichts für zweifelnde Männer trotzdem positiv ist.
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Männliche Alleingänge bleiben verpönt. Wer einem Kind ohne Zustimmung der Mutter Speichel oder Haare abluchst und für einen Vaterschaftstest ans Labor schickt, darf das Ergebnis weiterhin nicht als Beweis vor Gericht einsetzen. Das entschied das Bundesverfassungsgericht (1 BvR 421/05) und bestätigte damit ein Urteil des Bundesgerichtshofs. Solange Kinder minderjährig seien, müsse Mama grünes Licht geben, stellten die Richter klar. Sonst sei das Gen-Spionage und verstoße gegen das Recht des Kindes auf "informationelle Selbstbestimmung".

Soweit die schlechte Nachricht für zweifelnde Väter. Jetzt die gute: Das geltende Recht ist nach Ansicht der Verfassungshüter unfair, da Männer gegen den Willen der Mutter kaum eine Chance haben, die Vaterschaft erfolgreich anzufechten. Deshalb muss die Regierung es ihnen bis Ende März 2008 erleichtern, sich vor Gericht Gewissheit zu verschaffen. Gerade verheiratete Männer, die nach der Geburt automatisch als juristischer Vater gelten, müssten später aufkeimenden Zweifeln nachgehen können.

Damit ist klar, dass sich die Rechtsposition der betroffenen Männer bald deutlich verbessert. Wie genau, hängt aber von der Bundesregierung ab. Die Verfassungshüter haben Grundsätze festgelegt, aber "für die Umsetzung viel Spielraum gelassen", sagt der Münchner Familienrechtler Ludwig Bergschneider. Die Anforderungen an eine Anfechtung der Vaterschaft sind derzeit laut Verfassungsgericht "übermäßig hoch". Das hat häufig inakzeptable Folgen: Obwohl Männer wissen, dass ein anderer der Vater ist, scheitern sie vor Gericht - und müssen weiter jahrelang Unterhalt zahlen, womöglich bis zum Ende des Studiums des Kindes. Zudem steht dem untergejubelten Spross später ein Teil des Erbes zu. Das Problem: Da sie keinen heimlichen Test vorlegen dürfen, müssen Zweifler die Richter anderweitig davon überzeugen, dass ihr Verdacht "begründet" ist.

"Das ist sehr schwierig", sagt Bergschneider. Ein Mann hat im Nachhinein herausgefunden, dass seine Zeugungsfähigkeit stark eingeschränkt ist? Der Sprössling ist blond, er eher der dunkle Typ? Ein Freund hat Gerüchte über einen Seitensprung der Mutter aufgeschnappt? All das reicht nicht, damit Richter einen Test anordnen. Erweichen lassen sie sich nur selten, etwa wenn Männer belegen können, am besten mit Hilfe eines Detektivs, dass die Gute noch immer fremdgeht. Oder wenn sie den Seitensprung vor Gericht gesteht. Wie streng die Kriterien der Gerichte für einen "begründeten Verdacht" sind, belegt der jetzt entschiedene Fall. Frank S. hatte 2001 von seinem Urologen erfahren, dass er mit einer Wahrscheinlichkeit "von mehr als 90 Prozent" nicht zeugungsfähig sei. Das sei auch schon immer so gewesen. Ein Schock für den Beamten, denn er hatte seit sieben Jahren eine Tochter. Dachte er zumindest. Um Klarheit zu schaffen, zog er vor Gericht.

Ohne Erfolg: Die verminderte Zeugungsfähigkeit sei noch lange kein Grund, einen offiziellen Test anzuordnen, beschieden ihm die Richter. Da er sich so nicht abspeisen lassen wollte, schickte er ein Kaugummi seiner Tochter zur Analyse ins Labor, zog mit dem befürchteten Ergebnis (Vaterschaft ausgeschlossen) erneut vor Gericht - und scheiterte jetzt in letzter Instanz. Somit gilt er juristisch weiter als Vater des inzwischen zwölfjährigen Mädchens und muss jeden Monat 316 Euro Unterhalt überweisen.

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