Analystin verlässt Ratingagentur Trennung am Hochzeitstag

Die Trennung kam für Außenstehende überraschend. Die Ratingagentur Scope und ihre Analystin für offene Immobilienfonds, Alexandra Merz, die sich in den vergangenen Jahren einen Namen und in den vergangenen Monaten Schlagzeilen gemacht hat, gehen seit vergangenen Freitag getrennte Wege.
Alexandra Merz. Foto: PR

Alexandra Merz. Foto: PR

DÜSSELDORF. „Eigentlich ist heute mein erster Hochzeitstag“, plaudert die Analystin am Tag der Trennung ganz unbefangen. Den kann sie mit ihrem zweiten Ehepartner Michel Houglet und ihren fünf Kindern auch ganz unbeschwert feiern. Denn sie sagt: „Ich werde wieder etwas finden.“ Aber über die Hintergründe der Trennung vom Geschäftspartner Florian Schoeller, dem Chef der Scope Holding, schweigt sie – und verweist nur auf die offizielle Presseerklärung, in der es im vorletzten Absatz heißt: „Mit sofortiger Wirkung verlässt Alexandra Merz, bisher unter anderem für das Rating der offenen Immobilienfonds verantwortlich, das Unternehmen auf eigenen Wunsch in beiderseitigem Einvernehmen.“ Nach Scope-Darstellung ist das eine Folge der „Zusammenfassung“ der gesamten Analyseaktivitäten in der Scope Analysis GmbH.

Der Analystin, die in den letzten Jahren viel Farbe in die eher behäbige Branche gebracht hat, ist der Ausstieg sichtlich schwer gefallen: „Ich mag meinen Job. Ich mache ihn mit Herzblut.“ Wer sie als Analystin offener Fonds erlebt hat, wird daran nicht zweifeln. Spontaneität ist ein Markenzeichen von Alexandra Merz, etwa wenn Sie ein Telefonat unterbricht, um eine Frage des bald neunjährigen Theo zu beantworten, eines ihrer fünf Kinder zwischen drei und 15 Jahren. Und spontan war auch oft ihre Kritik, mit der sie auf Missstände in der Fondsbranche reagierte und dabei von Mougins, einer südfranzösischen Kleinstadt zwischen der Parfum-Stadt Grasse und dem Jet-Set-Badeort Cannes gelegen, die Branche der offenen Immobilienfonds aufmischte.

Dass sie bei den Managern der Fondsgesellschaften, die sich lange Zeit über jede Kritik erhaben fühlten, dabei immer wieder aneckte, nahm sie in Kauf. So wie jüngst, als Sie zwei offene Immobilienfonds der Gesellschaft Kanam zum Verkauf empfahl – allein aus der Befürchtung, kleine Privatanleger könnten die Dummen sein, weil Sie zu spät von Problemen eines Kanam-Partners in den USA erfahren würden.

Die Anleger könnten dann nicht mehr aus dem Fonds aussteigen, weil die Großanleger ihnen zuvor gekommen seien und der Gesellschaft das Geld für die Rückzahlung der Anteile zwischenzeitlich ausgegangen sei, so ihre Überlegung. Dass sie mit ihrer Verkaufsempfehlung dann gerade dieses Szenario heraufbeschwor, hat ihr schlaflose Nächte bereitet. Zumal sich auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht einschaltete, so dass sie um ihre Existenz fürchtete.

Doch auf die harsche Kritik der Branche reagierte sie allemal schneller als die Damen und Herren in den Chefetagen der Fondsgesellschaften je zuvor. Seit dem jüngsten Fondsrating Ende April verzichtet die Scope Analysis OEF, die sie leitete, auf Anlageempfehlungen. Die Branche brauchte dagegen Jahre und eine handfeste Krise, bis sie die von Merz und Stefan Loipfinger, ihrem Mitstreiter in der Sache, aber Konkurrenten um öffentliche Aufmerksamkeit, vorgeschlagene Reformen Anfang des Jahres in Angriff nahm. Für Privatanleger ist die Abkehr von konkreten Empfehlungen allerdings ein Rückschritt, denn aus dem Noten-ABC- der Ratingagenturen können sie sich künftig kaum einen Reim mehr darauf machen, ob sie in einen Fonds investieren oder die Finger davon lassen sollen.

Nun lässt Merz die Finger von Scope, lässt sich dann aber doch noch etwas entlocken. Schoeller habe ihr die Geschäftsführung der Scope Analysis angeboten. Die habe sie aber nicht haben wollen. „Ich halte meinen Kopf nicht für Dinge hin, von denen ich nichts verstehe.“ Gemeint sind die übrigen, in anderen GmbHs unter dem Dach der Scope Holding angesiedelten Analyseaktivitäten, wozu beispielsweise das Rating geschlossener Fonds gehört.

Merz, die seit 2002 bei Moody’s für das Rating der deutschen offenen Immobilienfonds zuständig war und 2004 zu Scope wechselte, hat sich den Respekt von Freund und Feind mit akribischer Analyse von Fondsdaten erarbeitet. Sie selbst sagt: „Analystentum ist nicht, jeden Tag ’Kanam verkaufen’ zu schreien.“ Dass die in wenigen Tagen 40-Jährige die Ruhe dazu im häuslichen Büro trotz ihrer fünf Kinder findet, erstaunt. Sie selbst räumt freimütig ein, dass das französische Erziehungssystem es ihr erleichtert, Familie und stressigen Beruf unter einen Hut zu bringen. Die französische Ganztagsschule und eine Haushaltshilfe tragen zum Erfolg des kleinen Familienunternehmens bei. Hinzu kommen zwei typisch deutsche Eigenschaften, über die ihr elsässischer Ehemann ab und an nur schmunzeln kann: Disziplin und Ordnung. Teil dieser Disziplin, ist, dass die Frau, die für die Branche wie für Journalisten eigentlich immer erreichbar ist, die Woche über zwischen 16.30 und 18.00 Uhr den Anrufbeantworter einschaltet. „Dann brauche ich Zeit für meine Kinder, die von der Schule nach Hause kommen.“

Ein weiterer Vorteil: Ehemann Michel Houglet arbeitet ebenfalls im gemeinsamem Haus – und wenn auch nicht als Angestellter, so doch als Auftragnehmer von Scope. Der Doktor der Mathematik bereitet Zahlenmaterial für Scope-Analysen auf. Seine Aufgabe, so versichert Merz, sei von ihrer Trennung unberührt. An Houglet kommt Scope-Chef Schoeller bei der Neuordnung des Unternehmens ohnehin nicht vorbei. Denn dessen US-Firma Arcadie LLC ist die 50-Prozent-Gesellschafterin der Scope Analysis OEF, für die seine Frau als Geschäftsführerin tätig war.

Kenner der Scope-Historie fällt auf, dass Schoeller die Aufsplittung seines Unternehmens und Umfirmierung von der AG zur GmbH vor einigen Jahren als weise, zukunftssichernde Entscheidung verkaufte. Damals war das mit Geld einer Wagniskapitaltochter der Berliner Bank gegründeten Unternehmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Kein Wunder, dass Konkurrent Loipfinger, der sich mit Analystin Merz sehr viel besser versteht als mit Schoeller, sofort vermutet: „Da ist was faul.“ In Frankfurt wird kolportiert, mehrere Scope-Analysten hätten bereits ihre Bewerbungsunterlagen bei anderen Wettbewerbern von Scope abgegeben und spekulieren, dass Scope erneut in Schwierigkeiten sein könnte.

Claudia Vogl-Mühlhaus, die neue starke Frau im Hause Scope, weist Zweifel an Wirtschaftskraft und Liquidität weit zurück. „Der Umsatz ist im vergangenen Jahr um 35 Prozent gestiegen. Wir sind in der Gewinnzone.“

Fondsprobleme

Zu wenig
Liquidität ist ein Muss, aber zu wenig davon ist genau so schlecht wie zu viel davon – zumindest bei offenen Immobilienfonds. So setzte der Anbieter Kanam Mitte Januar die Anteilsrücknahme für den Fonds Grundinvest aus, weil Anleger nach der Verkaufsempfehlung der Scope-Analystin Alexandra Merz massiv Kapital abgezogen und den Fonds in Liquiditätsprobleme gebracht hatten.

Zu viel
Danach verkaufte Kanam Immobilien, und auch die Anleger besannen sich und kauften Anteile. Einen Monat nach der Wiedereröffnung stoppt Kanam nun den Verkauf von Fondsanteilen einstweilen. Denn zu viel Liquidität schmälert die Rendite und kann nicht sinnvoll angelegt werden.

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