Anatolij Ljutenko machte als Unternehmer Millionen, überlebte ein Attentat und kümmert sich nun um Natur und Kunst
Der geläuterte Geschäftsmann

Anatolij Ljutenko - ein Multimillionär versucht Lotoschino, eine kleine Stadt in Russland, vor dem Bankrott zu retten und aus ihr eine Perle der Natur zu machen. Nicht in der Industrieansiedlung soll die Zukunft des Ortes liegen, sondern im Erholungswert.

LOTOSCHINO. Anatolij Anatoljewitsch Ljutenko hat einen Lieblingsort in seiner kleinen Stadt. Es ist ein Platz in einem Konzertsaal in der „Schule der Künste“. Dort, im Erdgeschoss der Schule, stehen in einer Ecke ein bequemer Sessel, ein Sofa und ein kleiner Tisch. Und dort lässt sich der 42-Jährige gerne nieder, blättert in Goethes Faust und hört zu, wie die Kinder seiner Stadt auf dem Klavier üben, Geige spielen oder Gitarre. Wenn sich Anatolij Anatoljewitsch an diesen Platz verzogen hat, dann geht die Schuldirektorin auf Zehenspitzen und passt auf, dass ihn niemand stört. Denn sie weiß, was sie an ihm hat.

Lotoschino, eine Kleinstadt gut 150 Kilometer von Moskau entfernt, ist zwar von der Natur gesegnet, mit tiefen, dichten Wäldern, großen Ackerflächen und Fischgründen. Aber Lotoschino hatte auch das Pech, 30 Jahre von einem kommunistischen Bürgermeister regiert zu werden, der schon lange das Interesse an seiner Heimat verloren hatte. Als dieser schließlich 1999 die Amtsgeschäfte an Ljutenko übergab, hatte er sein Haus schlecht bestellt. Die Schulden betrugen das Vierfache des Jahresbudgets, die Arbeitslosigkeit war hoch, und die Verbrechensrate näherte sich Moskauer Niveau. Zuletzt sollte die Ansiedlung einer Glasfabrik dem gebeutelten Landstrich wenigstens etwas Perspektive geben.

Bis Anatolij Ljutenko in das schmucklose Arbeitszimmer der Verwaltungsbaracke einzog, seine wilde Vergangenheit als Unternehmer hinter sich ließ, um sich nun der Kunst und Natur zu widmen. Als erstes stoppte er sämtliche Verhandlungen mit den möglichen Investoren und erklärte das Gebiet des Lotoschinskij Rayons zu einer ökologischen Perle. Nicht in der Industrieansiedlung sollte die Zukunft des Ortes liegen, sondern im Erholungswert. Seither baute Ljutenko den 20 000-Seelen-Kreis Schritt für Schritt zu einem Moskauer Ruheraum aus. Mit Erfolg: Die Finanzen sind inzwischen saniert, viele Menschen haben wieder Arbeit, und auch die Polizei hat deutlich weniger zu tun. „Die müssen vor allem eingreifen, wenn mal ein Sack Kartoffeln geklaut wird“, malt Ljutenkos Vize Nikolaj Schiljagin die Lage rosarot. Geht es weiter nach Ljutenko, soll die Region eine Hochburg der Poesie und Musik werden. „Jedes fünfte Schulkind bei uns spielt Mozart“, sagt er gern und oft.

Ljutenko war über den Ort gekommen wie ein frischer Ostwind. Es war im Russland des Boris Jelzin, dessen Wahlhelfer gerade ihre Belohnungen einsammelten. Es war die Zeit der Goldgräber in Russland: Wer eine Idee hatte und ausgebufft war, konnte in wenigen Jahren ein Vermögen machen. Niemand durchschaute das wilde Treiben, jeder machte seine eigenen Gesetze. Und Ljutenko war mit von der Partie. Er war ins Energiegeschäft eingestiegen, exportierte russisches Öl und Kohle, aber auch koreanische und japanische Computer. Der Sibirier verdiente gut, sehr gut sogar. Bald gehörten ihm zwei Schiffe, zwei Banken und eine große Ölgesellschaft. Er war Unternehmer durch und durch. Bis zum 1. Oktober 1994.

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