Anatolij Tschubais
Der Buhmann der Nation

Anatolij Tschubais soll die russische Stromwirtschaft vor einem Kollaps bewahren. Doch er ist in seinem Land umstritten. Denn Tschubais war mit beteiligt an der Schaffung der heute angefeindeten Klasse der Oligarchen, die mit ihren guten Drähten in den Kreml für wenige Kopeken ihre Milliarden-Imperien zusammenkaufen konnten.

BERLIN. Sein Spitzname lautet zwar der „rote Tolik“. Doch für Russlands Kommunisten ist Anatolij Tschubais so etwas wie für einen Stier das rote Tuch in der Arena: Als Chef des staatlichen Strommonopolisten verkörpert der 51-Jährige einerseits die wirtschaftlichen Sehnsüchte von Russlands Linken. Andererseits führt Tschubais nicht nur seinen Energiekonzern UES in die Marktwirtschaft, vielmehr ist der rote „Tolik“ (Kosename für Anatolij) als früherer Privatisierungsminister unter Boris Jelzin der Herr des Kapitalismus im größten Flächenstaat der Erde.

Und der plant jetzt die größten Investitionen in die Strominfrastruktur seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Mit marktwirtschaftlichen Methoden soll er umgerechnet rund 61,4 Milliarden Dollar bis 2010 auftreiben. Tschubais sei der „dämonisierte Held der politischen Schlacht“, schreibt Andrej Kolesnikow in seinem Buch „Der unbekannte Tschubais“. Tatsächlich hat der heutige Herr über Kraftwerke und das größte Stromleitungsnetz der Welt mit der Ausgabe der so genannten Privatisierungs-Voucher im September 1992 nicht nur der Marktwirtschaft den Weg ins weite Russland geebnet. Er schuf mit dieser Form der Entstaatlichung auch jene Klasse der heute angefeindeten Oligarchen, die mit ihren guten Drähten in den Kreml für wenige Kopeken ihre Milliarden-Imperien zusammenkaufen konnten.

So stieg er zum Buhmann der Nation auf. Bis heute rechtfertigt er sein Vorgehen so: Er habe eine starke Unternehmerschicht schaffen müssen, um zu verhindern, dass die Kommunisten ihre Macht wiedererlangen. Nun bereitet er sein Meisterwerk vor: Mit privaten Mitteln in Milliardenhöhe und eben ohne „Staatsknete“ soll Tschubais den maroden russischen Stromsektor vor dem Kollaps bewahren. Viele Kraftwerke sind zu alt und nicht leistungsstark genug, um den steigenden Strombedarf im Lande zu decken.

Er teilt die mehrheitlich im Staatsbesitz befindlichen Vereinten Energiesysteme Russlands (UES Rossii) in die Sparten Netz, Vertrieb und Stromerzeugung auf. Ab November will Tschubais die ersten der 20 abgespaltenen Stromproduzenten an die Börse bringen. In diesen Tagen umwirbt er westliche Investoren auf Roadshows in London, New York und Stockholm. Doch bevor sie zum Zuge kommen, haben sich Russlands Oligarchen längst bei den wichtigsten Kraftwerken eingekauft. Aber davon lässt sich Tschubais nicht erschüttern. Er ist ein Mann mit Humor: Auf seiner Website www.chubais.ru sammelt er sogar alle Witze über sich – und das sind viele.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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