André Dosé droht mit der Swiss abzustürzen
Anfang vom Ende eines Blitzaufstiegs

Kaum eineinhalb Jahre nach dem jähen Ende der Schweizer Fluglinie Swissair steht auch die mit öffentlichen Franken-Milliarden zum Leben erweckte Nachfolgegesellschaft Swiss vor einem Scherbenhaufen.

HB DÜSSELDORF. Das hoch defizitäre Unternehmen braucht dringend frisches Kapital, sonst fliegt zum Jahresende nichts mehr in der Schweiz – ein Horrorszenario für Wirtschaft und Politik. Gestern traf sich hinter verschlossenen Türen der Swiss-Verwaltungsrat zur Krisensitzung. Zur Disposition steht vieles – auch die Karriere von Swiss-Chef André Dosé.

Dessen steiler Aufstieg hatte im Jahr 2000 mitten im Urlaub begonnen – in den Skiferien in Valbella: Am Lift soll ihn der Handy-Anruf von Crossair-Gründer Moritz Suter erreicht haben, der ihn zum neuen Vorstandschef der Schweizer Regionalfluglinie ernannte. Dann ging alles ganz schnell: Die große Swissair ging Pleite, die kleine Tochter Crossair diente als Instrument zum Neustart. Und Dosé, 45, ein hoch aufgeschossener, sportlicher Pilot ohne Allüren und ohne abgeschlossenes Studium, wurde über Nacht zum Chef des wohl wichtigsten Nationalsymbols in der Schweiz: „Er soll die Crossair, die Swissair und all unsere Emotionen retten, die an diesen Heckflügeln kleben“, schrieb das Schweizer Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ damals euphorisch.

Doch aus dem netten, unverbindlichen Herrn Dosé ist in Schweizer Medien längst ein umstrittener Unternehmensführer geworden, dem Kritiker schlechte Zahlen und vor allem Führungsschwäche vorwerfen. Sie vermissen eine klare Strategie oder wenigstens ein Machtwort, das den Absturz noch verhindern könnte.

Doch ist Dosé überhaupt der Chef im eigenen Haus? Immer wieder mal hat er seine eigene Meinung öffentlich kundgetan – aber sachlich und leise, wie es seine Art ist. Politikern, die noch immer an den Erfolg einer Schweizer Welt-Airline glauben, hielt er etwa entgegen: „Wir müssen den Weg, übernommen zu werden oder zu fusionieren, ins Auge fassen.“ Dosé gilt als Freund einer Allianz-Lösung, in der sich die Swiss künftig mit einer Juniorrolle abfinden müsste – etwa als Zulieferer der Lufthansa.

Doch das Geld geht zur Neige, und passiert ist bislang nichts, auch weil die Gegner im eigenen Lager bremsen. Die massiven Interessenkonflikte seien ihm über den Kopf gewachsen, sagt ein langjähriger Wegbegleiter. Dosé habe sich vom ersten Tag an dem politischen Druck unterworfen und die Airline auf einen Solokurs gesteuert, der schon der Swissair den Bankrott brachte. Zu alldem schweigt Dosé nur noch. Vorbei sind die PR-Termine, bei denen er tönte, er wolle aus der Swiss „die Premium-Airline in Europa“ machen. Dabei liegt ihm der Verkäuferjob genauso wenig wie die Rolle des beinharten Sanierers.

Dosé ist ein bodenständiger, fast leiser Typ, der die Abgeschiedenheit liebt und deshalb mit Frau und Kind im Aargau wohnt – auf einer früheren Pferdeweide im Dorf Münchwilen. „Verrückt“ findet es der frühere Fußballtorwart, wie schnell es mit ihm nach oben ging, denn anfangen musste er ganz unten in der Airline-Branche: Gepäck aufladen in der früheren Luftverkehrsschule der Swissair und Sandwiches mit Gurken belegen. Als Pilot flog er später Sprühflugzeuge über die Baumwollfelder von Louisiana, ehe er 1986 in die Schweiz zurückkehrte und bei der Crossair einstieg.

Dem Blitzaufstieg könnte nun der traurige Abgang eines jungen Hoffnungsträgers folgen. Sein Trost: Weil die Investoren aus Bund, Banken und Schweizer Kantonen das Geschehen über den einflussreichen Verwaltungsrat kontrollieren, muss sich Dosé nicht als alleiniger Sündenbock fühlen: „Allen Schweizer Luftfahrtexperten war zum Zeitpunkt der Gründung der Swiss bewusst, dass das Projekt mit 26 Langstreckenjets unweigerlich zum Crash führen musste. Das Management und der gesamte Verwaltungsrat haben sich als ein Klub von Hasardeuren entpuppt“, empört sich ein Crossair-Mitarbeiter. Vom Makel, dieses Modell offensiv protegiert zu haben, kann sich auch André Dosé nicht freisprechen.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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