Anglo American bekommt Chefin
Bruch mit der Historie

Am Wochenende hatte die Gerüchteküche in London noch kräftig gebrodelt. Der britisch-südafrikanische Minenkonzern Anglo American könne übernommen werden, hieß es. Die „Financial Times“ spekulierte, Philippe Varin, der Chef des Stahlkonzerns Corus könne den Posten des Vorstandsvorsitzenden übernehmen: Dass der südafrikanische CEO Tony Trahar in Rente gehen würde, war zu erwarten.

KAPSTADT. Am Montag wartete der weltweit drittgrößte Bergbaukonzern dann aber mit einem Paukenschlag auf: kein Zusammenschluss – sondern eine Chefin: Die Amerikanerin Cynthia Carroll wird im März 2007 Trahar ablösen. Die Ernennung der 49-Jährigen ist schon deshalb eine Überraschung, weil die Vorstandsvorsitzenden des 1917 auf den Johannesburger Goldfeldern gegründeten Konzerns bisher traditionell Südafrikaner mit Ausbildung in Oxford waren.

Carroll kommt aber nicht nur von einem anderen Kontinent – sondern auch noch aus einer Rohstoffsparte, in der Anglo American bislang kaum präsent ist: Zuletzt war sie beim kanadischen Aluminiumkonzern Alcan Präsidentin und Vorstandsvorsitzende der Primary Metal Group mit Sitz in Montreal. Diese Gruppe umfasst alle Primärmetall-Betriebsanlagen des Unternehmens sowie all seine Werke zur Energieerzeugung.

Nach ihrem Geologiestudium an der Universität Kansas und einem MBA in Harvard war Carroll sechs Jahre in der Gas- und Ölexploration für den Energiekonzern Amoco aktiv, ehe sie 1988 zu Alcan ging.

Carroll kommt zu einer Zeit zu Anglo American, in der das Unternehmen zwar hochprofitabel arbeitet, aber durch Restrukturierungen an Masse verloren hat – und deshalb als Übernahmekandidat gilt.

Anders als noch zur Zeit seines Umzugs von Johannesburg nach London vor sieben Jahren ist der Konzern heute ein reiner Rohstoffplayer, dessen Schwerpunkt auf den Edel- und Basismetallen liegt. In den Zeiten der Apartheid hatte sich das Unternehmen auch im Bank- und Zuckergeschäft getummelt, weil Zukäufe außerhalb Südafrikas praktisch unmöglich waren.

Erst vor zwei Monaten hatten Gerüchte den Kurs getrieben, wonach die Bergbauhäuser Rio Tinto, Xstrata und Companhia Vale Do Rio (CVRD) ein 80-Milliarden-Dollar-Angebot für Anglo American vorbereiteten, um den Konzern dann untereinander aufzuteilen. Am Wochenende wurde der neu gebildete russische Aluminiumriese Sual-Rusal als möglicher Interessent genannt.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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