Anlagebranche
Der ketzerische Professor

Er ist der Ketzer in der Anlagebranche: Nassim Nicholas Taleb, früherer Derivatehändler an der Wall Street, jetzt Buchautor und Finanzprofessor an der US-Universität von Massachusetts, Amhurst. Er greift die professionellen Verwalter an und wirft ihnen vor, ihre statistischen Instrumente seien völlig unbrauchbar.

FRANKFURT. "Sogar Astrologie ist besser als die Portfoliotheorie", sagte der Mathematiker in einem Gespräch mit dem Handelsblatt. Freunde macht er sich damit nicht, denn die Väter der Portfoliotheorie sind immerhin Wirtschafts-Nobelpreisträger.

Wenn Taleb aufmerksame Zuhörer findet, dann liegt das wohl auch an der steigenden Zahl wahrgenommener Risiken für die Welt, die Volkswirtschaften und damit auch die Finanzmärkte - das macht empfänglich. "Die angewendeten Modelle sind falsch, weil sie die Bedeutung des Zufalls massiv unterschätzen", wettert er. "Unvorhersehbare Ereignisse sind selten, aber sie können wegen ihrer dramatischen Folgen nicht vernachlässigt werden."

Als Beispiel nennt er die Bankenkrise 1982. "Damals wurden alle jemals in der Geschichte der Banken erwirtschafteten Gewinne aus dem Kreditgeschäft durch die Folgen der mexikanischen Zahlungsunfähigkeit zunichte gemacht", sagt er. "Die meisten großen Verluste kommen durch ein Einzelereignis zustande. Die klassische Theorie suggeriert Sicherheit, wo doch in Wahrheit große Unsicherheit herrscht." Das Gleiche gelte für Devisen- oder Aktienmärkte.

Das klassische Modell der Portfoliotheorie nimmt dagegen an, dass etwa kurzfristige Renditen gleichmäßig um ihren langfristigen Durchschnitt herum verteilt sind. Wissenschaftler sprechen hier von Normalverteilung. Darauf bauen auch Risiko-Kennzahlen wie die Sharpe-Ratio oder Preisbildungsformeln für Derivate auf. Extremereignisse von der Dimension des Aktiencrashs 1987 werden als vernachlässigbar, weil realitätsfern bewertet. Deshalb sind viele Fondsmanager für Taleb auch nur glückliche Profiteure noch nicht eingetretener dramatischer und zufallsbedingter Ereignisse.

Wissenschaftler kennen die Schwäche der Theorie. "Aber man kann so schön einfach mit ihr arbeiten und rechnen", erklärt Carsten Wittrock, deutscher Finanzprofessor und Partner der Beratungsfirma zeb/asset.management.consult. Der Anwender muss die Wahrscheinlichkeit extremer Bewegungen insbesondere auf der Verlustseite nicht auf Basis empirischer Daten schätzen. "Das Operieren mit echten Zahlen ist vielen zu aufwendig, denen reicht die Simulation mit der Normalverteilung", ergänzt Michael Keppler, Gründer der Anlagefirma Keppler Asset Management in New York. Er geht den steinigen Weg: "Wir nehmen alle verfügbaren Daten, auch bis in das 18. Jahrhundert zurück, um zu realistischen Wahrscheinlichkeitsaussagen zu kommen."

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