Anmerkungen des Strategieexperten Hermann Simon
Schröders Rücktritt, Kontinuität und Führung von Organisationen

Historische Perspektiven sind immer aufschlussreich. So ordnet sich die Amtszeit von Gerhard Schröder als SPD-Vorsitzender in eine mehr als hundertjährige Reihe von Amtszeiten ein.

Betrachtet man die Zeit seit 1892, so hatte die SPD dreizehn Vorsitzende. Hochinteressant ist die Entwicklung der Amtsdauern. Diese zeigen nämlich einen statistisch hochsignifikant fallenden Trend (siehe Abbildung). Die ersten sieben Vorsitzenden blieben im Schnitt ca. 12 Jahre im Amt und keiner von ihnen diente weniger als sechs Jahre. Die letzten sechs Vorsitzenden brachten es im Durchschnitt hingegen nur auf drei Jahre und keiner hielt sich länger als fünf Jahre an der Spitze der Partei. Soweit die Statistik.

In dem vielbeachteten Buch "Built to Last" wurde festgestellt, dass die Chefs der untersuchten erfolgreichen Unternehmen 17 Jahre auf der Kommandobrücke standen, während es die Chefs in weniger erfolgreichen Firmen nur auf 10 Jahre brachten. Bei den "Heimlichen Gewinnern (Hidden Champions)", mittelständischen Weltmarktführeren, fand ich sogar eine durchschnittliche Amtszeit von 22 Jahren. Hingegen kommen die Chefs vieler großer Unternehmen heute meist nur noch auf weniger als zehn Jahre. Machtkämpfe oder Marktturbulenzen fegen sie hinweg (Beispiel Kajo Neukirchen). Viele werden auch erst in relativ hohem Alter an die Spitze berufen, so dass ihre Verweildauer kurz bemessen ist und sie meist keine langfristigen Spuren hinterlassen.

Im speziellen Falle der SPD dürften beide Faktoren für die kürzeren Amtsdauern verantwortlich sein, die Berufung von für diese extrem herausfordernde Führungsaufgabe ungeeigneten Personen (z.B. Engholm, Scharping, Lafontaine) und die innerparteilichen Konflikte. Zwei Vermutungen drängen sich auf: (1) Wenn der Trend so weiter geht, kann das eine Organisation zerreißen und zur Spaltung führen, (2) es erscheint eher unwahrscheinlich, dass die nächsten Vorsitzenden lange im Amt bleiben. Wobei zu der zweiten Schlussfolgerung einschränkend anzumerken ist, dass die Statistik natürlich nichts über den Einzelfall, also über Müntefering, sagt, sondern nur über Wahrscheinlichkeiten.

Prof. Dr. Hermann Simon ist Vorsitzender der Geschäftsführung von Simon, Kucher & Partners, einer weltweit tätigen Strategieberatung.

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