Anna Maria Artoni kämpft gegen Innovationsstau und entscheidungsschwache Politiker
Italiens blonde Hoffnung

Wenn sie das Italien der Zukunft verkörpert, dann braucht sich im Land der sinkenden Wettbewerbsfähigkeit und der rekordverdächtigen Überalterung eigentlich niemand Sorgen zu machen. Anna Maria Artoni ist nicht nur dynamisch, temperamentvoll, effizient und telegen, sie hat auch eine Botschaft: „Italien steht still. Das müssen wir ändern.“

HB ROM. Mit ihren 37 Jahren ist die Frau mit der blonden Mähne und dem dunklen Designer-Brillengestell an einem Platz angekommen, wo sie Einfluss nehmen kann. Seit 2002 ist sie Präsidentin der „Giovani Industriali“, des Verbandes der italienischen Jungunternehmer, die zum mächtigen Industrieverband Confindustria gehören. Als Chefin der Jungunternehmer ist sie automatisch Vizepräsidentin der Confindustria.

Ihr Büro im 7. Stock eines Glaspalastes im römischen Stadtteil EUR liegt nur ein paar Türen neben dem von Confindustria-Präsident Luca Cordero di Montezemolo. „Die Zusammenarbeit mit ihm ist sehr eng, er setzt auf Teamarbeit und Synergie-Effekte“, sagt Anna Maria Artoni. Gemeinsam haben beide die Liebe zum offenen, kritischen Wort – zur Wirtschaftspolitik der Regierung Berlusconi, zur Konjunktur, zur Situation der italienischen Unternehmen. Der Fiat- und Ferrari-Präsident Montezemolo wird derzeit als Geheimtipp für die Politik der Nach-Berlusconi-Ära gehandelt, obwohl er selbst stets verneint, politische Ambitionen zu haben. Auch seine Stellvertreterin ist längst für andere wichtige Jobs im Gespräch, wenn ihre Präsidentschaft im nächsten Jahr ausläuft.

„Ich steige wieder full time im Familienunternehmen ein“, sagt sie dazu. Ihr Großvater gründete vor 70 Jahren ein Transport- und Logistikunternehmen in Guastalla in der Emilia Romagna. Sie arbeitet seit dem 22. Lebensjahr mit ihrem Vater zusammen in der Artoni Trasporti Spa. Heute ist sie Vizechefin der Firma mit einem Jahresumsatz von rund 110 Millionen Euro.

Ihre Analyse der italienischen Verhältnisse ist schneidend kritisch. „Wir sind kurzsichtig in Politik und Wirtschaft, schauen nur auf den nächsten Tag“, sagt sie. Italien habe viele Defizite, das Bruttoinlandsprodukt liege hinter dem anderer EU-Länder zurück, man habe eine ausgeprägte Wachstumsschwäche und halte den Negativrekord in Europa bei der Arbeitslosigkeit von Jugendlichen und Frauen.

Dazu komme ein zweites Manko, erklärt sie. In der Politik gebe es keine Führungspersönlichkeiten, die fähig seien, Reformen konsensfähig durchzusetzen. Das Establishment stecke in einer Konsensfalle. Starker Tobak, den sie ungeniert öffentlich kundtut, bei Talkshows und erst vor kurzem bei der Jahrestagung der „Giovani Industriali“ auf Capri, als sie in die Mikrofone sagte: „Ständig siegt in Italien die Taktik über die Politik.“

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