Anton Schlecker
Schlecker lernt seine Grenzen kennen

In seiner Heimatstadt Ehingen gilt Anton Schlecker als geizig und vor allem bieder. Nur einen einzigen kostspieligen Spleen gönnt sich der Drogeriefürst: schnelle Autos – je mehr, desto besser. Zu Treffen mit Geschäftspartnern fährt er gerne im Aston Martin vor. Besonders stolz aber ist er auf einen Porsche, von dem die Ehinger berichten, er habe in das Gefährt einen Ferrari-Motor einbauen lassen.

HB DÜSSELDORF. Anton Schlecker, soeben 60 geworden, dieser mittelgroße Mann mit dem noch sehr vollen Haar und einer Vorliebe für wild gemusterte Versace-Hemden, kann es sich leisten. Binnen dreier Jahrzehnte stieg er vom jüngsten Metzgermeister Deutschlands zu einem der größten Einzelhändler auf. Bundesweit gibt es mit 11 000 Filialen nun dreimal so viele Schlecker-Läden wie Aldi-Geschäfte. 50 000 Mitarbeiter schaffen europaweit für den Schwaben, der Umsatz nähert sich der Marke von sieben Milliarden Euro.

Doch jetzt stößt das zügellos wuchernde Imperium offenbar erstmals an seine Grenzen, der Drogeriemarkt ist weitgehend gesättigt. Das System Schlecker, zum Wachstum verdammt, zeigt Risse. Nach Berechnungen der Marktforscher von M + M Eurodata stagnierten die Erlöse 2003 in den bestehenden Schlecker-Filialen oder gingen sogar leicht zurück.

Schlecker behauptet indes, in Deutschland sei der Umsatz 2003 um 5,5 Prozent auf 5,4 Milliarden Euro gestiegen, allerdings wohl nur durch die Eröffnung neuer Geschäfte. Belegen können oder wollen die Schwaben all das nicht: Ihre amtliche Konzernbilanz samt verkürzter Gewinn- und Verlustrechnung erscheint gewöhnlich erst mit 18-monatiger Verspätung. Lieferanten aber zeigen sich skeptisch: „Nach unseren Beobachtungen ist der Umsatz von Schlecker im vergangenen Jahr drastisch eingebrochen“, berichtet der Vertriebsleiter eines Konsumgüterherstellers.

Fakt ist: Seit August zieht der knauserige Krämer das größte Umbauprogramm der 29-jährigen Firmengeschichte durch. Nicht nur das defizitäre Lebensmittelsortiment soll aus den Märkten wieder verschwinden. Fast jeden zehnten Standort will Schlecker in den nächsten Monaten aufgeben. Mehrere Hundert Kündigungen seien ausgesprochen worden, heißt es bei der Gewerkschaft Verdi, und 8 000 der insgesamt 40 000 deutschen Mitarbeiter hätten mit einer Verkürzung ihrer Arbeitszeit zu rechnen.

Schlecker hält dagegen: Die Filialen würden lediglich an geeignetere Standorte verlagert, sagt ein Sprecher. Man bemühe sich, den von Filialschließungen betroffenen Mitarbeitern eine Beschäftigung in einer anderen Filiale anzubieten.

Wie das funktionieren soll, ist die große Frage. Denn in vielen Filialen ist häufig nicht mehr als eine einzige Verkäuferin anwesend. Immer wieder kommt es deshalb zu skurrilen Situationen, wie jener aus einer Kölner-Dependance. „Die Marlboro muss ich aus dem Lager holen“, murmelt die ergraute Dame an der Drogeriemarktkasse. Um sie herum stapeln sich Katzenfutter, Kaffeepäckchen und Klopapier, der Laden ist bis in den letzten Winkel zugestellt, eine Kollegin, die die Kasse zwischenzeitlich im Auge behalten könnte, gibt es in diesem Moment nicht.

Seite 1:

Schlecker lernt seine Grenzen kennen

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Seite 5:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%