"Anwälte verkaufen nicht nur eine Dienstleistung"
DAV-Präsident: „Qualität ist unsere Zukunft“

Hartmut Kilger ist seit Juni 2003 Präsident des deutschen Anwaltvereins (DAV) und Fachanwalt für Sozialrecht. Mit dem Handelsblatt spricht er über Deregulierung, Beratungsmonopol und die neue Anwaltsausbildung.

Handelsblatt: Herr Kilger, wie nennen Sie eigentlich die Ratsuchenden, die zu Ihnen als Anwalt kommen: Mandanten oder schon Kunden?

Kilger : Ich nenne sie Mandanten und werde sie auch weiterhin so nennen.

Wenn es nach EU-Kommissar Monti geht, müssten Sie aber demnächst Kunde sagen. Schließlich will er das Recht der Freiberufler deregulieren und damit aus Anwälten ganz normale Unternehmer machen.

Kilger: Der deutsche Anwalt ist längst auch ein normaler Unternehmer. Gegen die Liberalisierungsbestrebungen von Herrn Monti haben wir im Übrigen gar nichts, sofern es um die grundsätzliche Entsperrung des Marktzugangs geht. Aber der Anwalt verkauft seinem Mandanten nicht nur eine Dienstleistung, sondern da ist mehr. Und dieses Mehr muss ihm erhalten bleiben.

Was meinen Sie damit?

Kilger: Mit dem Mandanten komme ich nur zurecht, wenn ich mit ihm in Ruhe über seine Probleme sprechen kann. Das ist ein besonderes Vertrauensverhältnis, das intensiver und umfassender ist als zu anderen Dienstleistern. Dieses Vertrauensverhältnis muss geschützt bleiben.

Daran will Monti ja auch nicht rütteln. Aber gegen das neue Anwaltsvergütungsgesetz, das allein das Honorar für die außergerichtliche Beratung zum Aushandeln freigibt, dürfte er etwas haben.

Kilger: Ich glaube schon, dass Monti mit dem Gesetz einverstanden ist. Zum einen spielt die Hauptmusik sowieso im außergerichtlichen Bereich. Rund 70 % der anwaltlichen Tätigkeit finden außergerichtlich statt. Zum anderen haben wir im gerichtlichen Bereich die Errungenschaft, dass die Gebühren genau fixierbar, kalkulierbar, errechenbar und im Fall des Gewinnens auch hereinholbar sind. Das geht aber nur per Gebührenordnung. Außerdem erreichen wir mit der Gebührenordnung, dass Leute, die sich die Beratung eigentlich nicht leisten können, trotzdem einen Anwalt finden.

Man kann aber auch argumentieren, dass gerade ein geöffneter Rechtsmarkt mit freien Honoraren die Mandanten schützt - indem schlechte und zu teure Anwälte gar keine mehr finden. Misstrauen die Juristen den Gesetzen der Ökonomie?

Kilger: Sicher haben wir als Juristen ökonomische Defizite. Ich habe auf der anderen Seite aber etwas gegen die Alleinherrschaft der Ökonomie. Ich glaube nicht, dass die Marktgesetze im Rechtsberatungsmarkt voll wirken können. Und zwar deswegen nicht, weil der Rechtsuchende nur eingeschränkte Vergleichsmöglichkeiten hat - und viele Menschen einen existenziellen Rechtsfall nur einmal im Leben haben.

Schlechter Rechtsrat spricht sich doch rum.

Kilger: Aber nur langsam, und das kann die Existenz der qualitätsvollen Beratung gefährden. Die Diskussion um freie Honorare ist ja auch eine Diskussion um die Qualität der Rechtsberatung. Wenn die Preise freigegeben werden, kommen Leute, die zwar billige Leistung anbieten, aber schlechte. Und der Mandant ist der Geschädigte.

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