Aubrey McClendon
Tod eines Fracking-Superstars

Aubrey McClendon baute in zwei Jahrzehnten aus dem Nichts den zweitgrößten Gasproduzenten Amerikas auf. Dabei ging es wohl nicht immer mit rechten Dingen zu. Sein Unfalltod lässt nun viele Fragen offen.

New YorkRandlose Brille, weißgraues Haar, maßgeschneiderter Anzug – sein intellektuelles Äußeres täuschte: Aubrey McClendon war ein Cowboy. In Wild-West-Manier baut der 56-Jährige mit Chesapeake Energy eines der größten Energieunternehmen Amerikas auf. Als einer der Ersten erkannte er die Chancen von „unkonventionellen Quellen“: Gigantische Vorkommen von Erdgas und Öl schlummern in den USA in Schieferstein, die mittels Fracking gehoben werden.

Das machte ihn unvorstellbar reich – und wieder arm. Das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ titelte einmal mit der Schlagzeile: „Amerikas rücksichtslosester Milliardär“, weil er sein Geschäft mit viel Kreditrisiko und ohne Gnade betreibt. Für Umweltschützer war McClendon Feind Nummer Eins. Der Mann eckte gerne an. „Er scheut sich nicht vor kontroversen Äußerungen“, sagt Peter Delaney, ein Freund und Vorstandschef vom US-Versorger OGE Energy.

Anscheinend schreckte er auch nicht vor illegalen Tricks zurück. Das US-Justizministerium untersuchte Chesapeake und McClendon wegen Preismanipulation beim Kauf von Öl- und Erdgasrechten. Erst vor wenigen Tagen wurde der Manager angeklagt. Allem Anschein nach haben sich Chesapeake und Konkurrent Sandridge Energy beim Bieten um sogenannte „Land Leases“ abgesprochen, zum Schaden der Landbesitzer.

Auf dem Weg zum Gericht raste McClendon am Mittwoch in Oklahoma City mit hoher Geschwindigkeit gegen einen Brückenpfeiler. Der Unternehmer starb beim Aufprall. Nichts ist offiziell, aber alles sieht nach Selbstmord aus: McClendon trug keinen Anschnallgurt, die Strecke war frei und ohne Hindernisse: „Er hatte die Gelegenheit, wieder auf die Straße zurückzukehren“, sagte Paco Balderrama von der örtlichen Polizei.

Ein trauriger Schlusspunkt. Doch der Niedergang von McClendon hatte viel früher angefangen – und auch er selbst wirkte kräftig daran mit. Chesapeake war so erfolgreich beim Fracking, dass die Erdgaspreise in den USA purzelten und schließlich das eigene Unternehmen unter Druck setzten. Der aktivistische Investor Carl Icahn kaufte sich vor knapp drei Jahren in Chesapeake ein und setzte nach langem Hin und Her durch, das McClendon gehen musste.

Was Icahn störte, war der wilde und maßlose Stil von McClendon: Um die Landkäufe zu finanzieren, türmte der aus Oklahoma stammende Manager immer mehr Schulden auf. Mit dieser Strategie hatte das Unternehmen bereits in der Finanzkrise Kopf und Kragen riskiert, als der Aktienkurs und die Gaspreise in den Keller rauschten. Auch privat war McClendon ein Cowboy: Er musste damals sein gesamtes Aktienparket verkaufen, weil er zuvor wie wild Aktien von Chesapeake Energy auf Kredit gekauft hatte und die Bank Sicherheiten einforderte.

Ein tiefer Fall des früheren Milliardärs, der Anteile am erfolgreichen Basketballteam Oklahoma Thunder besaß und gerne mit seiner antiken Kartensammlung im Wert von zwölf Millionen Dollar angab. Auch kaufte er sich eine Winzerei in Bordeaux: McClendon liebte Wein. Wenn er in seinem Restaurant „Deep Fork Grill“ in Oklahoma speiste, dann orderte er schon mal gern einen 1982er Lafite-Rothschild oder 1989er Haut-Brion. Die kosten locker 10.000 Dollar die Flasche. Gern zitierte McClendon sein Erfolgsmotto: „Eine dicke Haut und ein kurzes Gedächtnis“.

Die dicke Haut war abgetragen, die schlechten Nachrichten nicht mehr zu verdrängen. McClendon hinterlässt eine Familie mit drei Kindern und einem Enkelkind.

Der Autor ist Managing-Editor des Handelsblatts in den USA. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Thomas Jahn
Handelsblatt / Korrespondent New York
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