Auch das Privatleben des Kandidaten ist von Interesse
Headhunter: Diskretion gehört zum Geschäft

Galten Kopfjäger früher noch als düster und geheimnisvoll, hat sich der Beruf heute voll etabliert.

HB DÜSSELDORF. Weiße Socken zum dunklen Anzug, schmutziges Schuhwerk und redselige Ehepartner - diese heimtückischen Karrierekiller sind der Schrecken jedes Headhunters, der sich viel Mühe mit der Suche und Auswahl eines Managers gemacht hat und dann hilflos mit ansehen muss, wie dieser im entscheidenden Gespräch an derlei Nebensächlichkeiten scheitert. So sieht es jedenfalls Jürgen B. Mülder, und er muss es wissen. Seit 33 Jahren arbeitet er als Kopfjäger, das heißt, er sucht hochkarätige Führungskräfte für seine Auftraggeber, führt Interviews, checkt Lebensläufe, holt Referenzen ein.

Der Consultant könnte sicher stundenlang erzählen, wenn er nur wollte. Zumeist aber bleiben seine Ausführungen im Abstrakten. Lediglich zwei, drei Anekdoten lässt er sich entlocken. Etwa die von jenem Pechvogel, der nach einem positiv verlaufenen Bewerbungsgespräch zur Kaffeetafel gebeten wurde, einen Käsekuchen serviert bekam, dessen saftige Füllung verzehrte, die trockene Kruste aber auf seinem Teller ließ. Fataler Fehltritt. Der Unternehmer, der sich eigentlich schon für diesen Mann entschieden hatte, gehörte zu der Generation, die in den Kriegsjahren hungern musste. Er habe den Kandidaten abgelehnt, sagt Mülder.

Namen sind ein gut gehütetes Geheimnis

Namen will der Headhunter nicht nennen. Diskretion ist für ihn mehr als nur Ehrensache, sie gehört einfach zum Geschäft. Und das ist auch gut so. "Wir wissen sehr viel", sagt Mülder über sich und seine Branchenkollegen. Denn schließlich überprüfen die Consultants nicht nur Referenzen, sondern fragen auch nach dem Privatleben der Manager. Die bisweilen delikaten Erkenntnisse, die er so gewonnen habe, seien manchen "vermutlich peinlich", sagt Mülder. Anders jedenfalls könne er es sich nicht erklären, warum viele von denen, die er in Spitzenpositionen gehoben habe, seither jeglichen Kontakt mit ihm mieden. Old Boys Network? Fehlanzeige. Freunde finde er nur außerhalb seines Berufs, sagt Mülder, etwa in der humanitären Organisation "Wirtschaft hilft Hungernden", in der er sich seit Jahren engagiert.

Kopfjäger: "Das klingt archaisch, düster, geheimnisvoll", schrieb vor Jahren die Frankfurter Allgemeine Zeitung und warf die Frage auf, ob das überhaupt ein anständiger Beruf sei. Zurecht. Denn das war in einer Zeit, als seriöse Berater wie Gerhard Kienbaum Führungskräfte noch per Stellenanzeige suchten und ihre Kunden vor Headhuntern warnten. Die Executive Search Consultants, wie sich die Kopfjäger selbst gern nennen, operierten damals in einer rechtlichen Grauzone.

Bis 1994 durften nur Topmanager vermittelt werden

"Während unsere Tätigkeit in anderen Ländern gestattet war, gab es in Deutschland lediglich eine stillschweigende Duldung durch die Bundesanstalt für Arbeit", sagt Mülder. Die Nürnberger Behörde hatte das uneingeschränkte Monopol für die Vermittlung von Arbeitskräften inne. Bis 1994 durften die Berater lediglich nach Topmanagern suchen. Das Massengeschäft mit den Mittelmanagern war illegal, und so konnte es durchaus passieren, dass ein Consultant zwar erfolgreich nach einer Führungskraft gefahndet hatte, aber kein Honorar erhielt, weil sich der Auftraggeber im Nachhinein auf das Gesetzesverbot berief. Die deutschen Gerichte deckten diese unfaire Praxis.

Dass sich das geändert hat, geht in erster Linie auf Mülders geschickte Lobbyarbeit zurück. Als Mitglied des CDU-Wirtschaftsrats warb er persönlich beim damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl für eine Änderung der Gesetze und focht für die Liberalisierung des Arbeitsmarkts gegen den entschiedenen Widerstand des Arbeitnehmerflügels der Union. Gemeinsam mit Gleichgesinnten gründete er die Vereinigung Deutscher Executive-Search-Berater und verpflichtete deren Mitgliedsfirmen per Satzung zur Einhaltung von gewissen Mindeststandards bei ihrer Arbeit. Deswegen gilt Headhunting heute auch in Deutschland als eine völlig alltägliche und anerkannte Dienstleistung. Mehr noch: "Es ist eine richtige Industrie geworden", sagt Mülder.

Das sieht man nicht zuletzt an seiner eigenen, partnerschaftlich organisierten Firma, die bis vor wenigen Jahren noch in das locker geknüpfte internationale Headhunter-Netzwerk Amrop International eingebunden war. 1997 verließen Mülder und seine Partner diesen Verbund und verkauften ihr Unternehmen für annähernd 27 Millionen US-Dollar an Heidrick & Struggles, einen weltweit tätigen US-Konzern, der mit rund 1 900 Mitarbeitern in 70 Büros weit über 100 Millionen US-Dollar Umsatz erzielt.

Das Online-Recruiting spielt eine entscheidende Rolle

Der Grund für den Verkauf: "Der Arbeitsmarkt ändert sich", sagt Mülder. Topleute seien schon heute ein rares Gut. Sie würden künftig noch knapper werden. Und: Internationalität sei Trumpf. Da haben weltweit tätige Konzerne die Nase vorn, denn ihre Berater können aus einer Datenbank mit Millionen von Kandidatenprofilen die wenigen richtigen auswählen. Beim Aufbau einer solchen Datenbank spielt das so genannte Online-Recruiting eine entscheidende Rolle. Doch der Einstieg in dieses Geschäft kostet Unsummen. "Eine Partnerschaft kann dies nicht finanzieren", sagt Mülder. Nur ein börsennotierter Konzern wie Heidrick & Struggles sei dazu in der Lage.

63 Jahre alt ist Mülder heute. Bis vor kurzem hat er noch das internationale Geschäft bei Heidrick & Struggles beaufsichtigt - neben seinem Routinejob, der Suche nach Führungskräften. In seiner jetzigen Position als Chairman der Executive Search Division wird er nicht mehr ganz so stark gefordert wie zuvor. Dennoch arbeite er "volle Pulle", wie er sagt. In zwei Jahren könnte er eigentlich Kasse machen, seine millionenschweren Aktienoptionen ausüben und sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Doch er denkt nicht daran: "Wenn man mich anständig behandelt und es mir weiter so viel Spaß macht wie bisher, dann werde ich weiter arbeiten", sagt Mülder. Gerard Roche, Senior Chairman von Heidrick & Struggles, sei schließlich sechs Jahre älter als er und immer noch aktiv.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%