Aufsichtsräte
Was Aufsichtsräte leisten können

Kontrolleur oder Berater, verlängerter Arm des Großaktionärs oder unabhängiger Aufseher? Warum die Erwartungen an Aufsichtsräte oft falsch sind.
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Beim Karlsruher Energieversorger EnBW geht es zu wie im Kasperletheater. Drei neue Aufsichtsräte treten an, werden ihre Posten aber - falls gewünscht - schon bald wieder zur Disposition stellen. Ein weiterer Kontrolleur hat sich noch nicht festgelegt. Eine Rätin ist in letzter Minute auf dem Ticket der neuen Machthaber hineingerutscht, weil der eigentliche Kandidat vorzeitig aufgab. Grund für das lustige Kandidatenspiel ist der Wechsel von Schwarz-Gelb zu Grün-Rot in Stuttgart.

Erst wenn die neue Landesregierung im Amt ist, könnte sie auch "ihre" Aufsichtsräte zur EnBW schicken und Politik machen. Beispielsweise erstmals einen Stromkonzern der Republik zwingen, seine Kernkraftwerke kurzerhand abzuschalten. Das aber ist graue Theorie. Erstens können Aufseher nicht einfach abberufen werden. Es ist ein persönliches Mandat, kein Vertreterposten von Großaktionärs Gnaden. Zweitens sind Aufsichtsräte per Gesetz dem Wohl des Unternehmens, nicht dem Parteibuch verpflichtet. Die Kontrolleure müssen sogar Schadensersatz zahlen, falls sie dem Unternehmen Schaden zufügen. Etwa durch politisch motiviertes, betriebswirtschaftlich aber nachteiliges Herunterfahren von Atomkraftwerken.

Die öffentliche Erwartungshaltung ist ganz anders. Aufsichtsräte haben die Interessen der Eigentümer durchzusetzen - zumal bei einem staatlichen Konzern wie EnBW. Erst recht natürlich, wenn der Atomausstieg gesellschaftlicher Konsens ist. Ähnlich sieht es beim Konkurrenten RWE in Essen aus. Auch hier hat der Kampf um die Kernenergie den Aufsichtsrat erreicht. Die Vertreter der Städte, die ein Viertel der RWE-Aktien besitzen, werden in ihrer Heimat von den kommunalen Parlamenten aufgefordert, Konzernchef Jürgen Großmann von seinem Atomkurs abzubringen.

Selten wird die Diskrepanz zwischen Erwartung und Gesetzeslage so deutlich wie im Kernenergiestreit. Können, ja dürfen Aktionäre über ihre Vertreter, die Aufsichtsräte, strategische Entscheidungen erzwingen? Anders gefragt: Welche Rolle hat eigentlich ein Aufsichtsrat?

Wer das Gesetz wörtlich nimmt, kann es sich einfach machen: "Der Aufsichtsrat hat die Geschäftsführung zu überwachen." So steht es im Paragrafen 111 Aktiengesetz. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. In der Realität übernehmen Aufsichtsräte inzwischen viel weiter gehende Funktionen. Coach für den Vorstand, Berater für das Management. Die Modernisierer der Unternehmensführung wollen das System Richtung Chairman weiterentwickeln, wo der Aufseher auch Managementfunktionen hat.

Achtung, Glatteis, warnen dagegen die Verfechter des klassischen dualen Systems. Es gelte das strikte Prinzip der Gewaltenteilung. Hier das operative Management, dort der kontrollierende Aufsichtsrat. Die Vermischung der Funktionen führe nur zur Verwischung der Verantwortung.

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