Aufstieg und Fall des einstigen Börsenstars Stephan Schambach
Der Mann vom Mini-Shop

Er hat viel gegeben. Zehn Millionen Euro aus seinem Privatvermögen steckte Stephan Schambach in seine angeschlagene Firma, wie um zu beweisen: Seht her, und es geht doch! Aber bislang hat sein zäher Kampf nichts genützt.

BERLIN. Er selbst gibt Durchhalteparolen aus. „Meine Leute kämpfen wirklich, und sie geben nicht auf“, sagt der 32-Jährige am Telefon von irgendwo her, wo er gerade wieder einmal auf Akquisitions-Tour ist.

Ob es seine Intershop Communications, den Softwareproduzenten aus Jena, im nächsten Jahr noch geben wird, ist so ungewiss wie die Frage, wann wir wieder Jubelstorys über erfolgreiche Börsengänge in Deutschland lesen werden. Vorläufig reiht sich die Geschichte von Intershop ein in all die dramatischen Auf- und Abstiege von Softwareproduzenten wie Brokat Systems und SER Systeme ein, deren Chefs einst gefeiert wurden wie die Kurse ihrer Aktien an der Börse.

Heute nicht mehr. Heute sind viele Firmen und ihre Chefs in der Versenkung verschwunden. Aber Schambach ist noch da, allerdings nicht unbedingt für die Öffentlichkeit. Wer heute seinen weichen Thüringer Akzent auf einem Empfang hört, muss sich ranhalten. Am liebsten schleicht der große, rotblonde Mann gleich wieder davon, wenn er jemand von Presse, Funk und Fernsehen entdeckt. Schambach, der früher das Rampenlicht genoss, bleibt lieber inkognito. „Ja, Stephan ist heute weitaus weniger extrovertiert“, erzählt ein Freund, „er konzentriert sich mehr auf die Sache“.

Die Sache ist ernst: Das zweite Quartal in Folge hat seine Firma Verluste gemeldet. Wieder einmal will er Intershop mit einem drastischen Sparprogramm aus der Krise führen. Auch wenn er die Kosten drückt: Die liquiden Mittel dürften bis Ende des Jahres aufgebraucht sein, wenn nicht der Umsatz steigt, den er nur auf rund 20 Millionen Euro prognostiziert – etwa so hoch wie den Verlust vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen!

Intershop kämpft ums Überleben. Bis zum Winter des Jahres 2000 war das anders. Da schrieb Schambach eine dieser Dot.com-Geschichten, bei denen Menschen mit sicheren Arbeitsplätzen und soliden Studienabschlüssen dachten, sie hätten einiges falsch gemacht.

Der Jenaer Student, der im DDR-Unitreff „Schweineclub“ Platten auflegte, verließ die Hochschule noch vor dem Abschluss und gründete eine Softwarefirma für den elektronischen Handel. Damals träumte der Elektronik-Experte von der Eroberung des US-Softwaremarktes – und machte sich auf nach San Franzisko. Im Mai 2000 verkündete er dem Handelsblatt. „In vier Jahren wollen wir so groß sein wie SAP“, als wenn das nichts wäre.

Daraus wurde nichts. Umsätze und die Gewinne stürzten ab, in der Chefetage wurden immer wieder die Stühle gerückt, der Aufsichtsrat griff durch – und schließlich kehrte Schambach nach Jena zurück, wo er heute mit seiner Frau und zwei Kindern lebt. Von den 1,7 Milliarden Euro, die Intershop an der Börse einmal Wert war, sind nur rund acht Millionen Euro übrig geblieben.

Aber Schambach ist zäh. Ist er ein Träumer? Ein Freund würde ihn heute als Zweckoptimisten bezeichnen. Der einstige Börsenstar glaubt immer noch daran, dass er in dem Softwaremarkt für den elektronischen Handel wieder Geld verdienen wird. „Wir müssen nur ein Zeitproblem überwinden“, macht er sich selbst Mut. Aber er kennt den Teufelskreis: Solange es der Firma schlecht geht, zögern Kunden, die Produkte zu kaufen.

Er bleibt ein unermüdlicher Optimist. Mitarbeiter sagen, ihr Chef sei noch immer der natürliche Typ in Hemd und Lederjacke, der mit seinen Ideen begeistern könne, ganz locker per Du und doch autoritär, so wie ein guter Tennis-Trainer. Heute sind es noch 445, die in dem Intershop-Tower tüfteln, der selbstbewusst, aber leer in den Himmel über Jena ragt. Bald sollen es weniger als die Hälfte sein.

Von den Analysten ist nur Felix Ellmann von SES Research geblieben. „Es ist zu erwarten, dass Intershop mit ein paar Produkten, ein paar Kunden und ein paar Entwicklern noch überlebt“, sagt er – in einer ganz kleinen Nische. „Damit wäre ich zufrieden“, sagt Schambach. Die Realität zu akzeptieren, sei die größte psychologische Hürde, sagt einer seiner Bekannten – Chef einer Dotcom-Firma, die es heute nicht mehr gibt.

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