August-Wilhelm Scheer
In schwieriger Mission

Eigentlich war nach vier Gipfeln die Luft raus. Selbst August-Wilhelm Scheer tat sich schwer, vor dem fünften deutschen IT-Gipfel am Dienstag bahnbrechend neue Akzente zu setzen. Dort wird er sich kritischen Fragen zum Datenschutz stellen müssen.
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FRANKFURT. Themen wie den Ausbau des schnellen Zugangs zum weltumspannenden Netz schrieb der Präsident des Bitkom, des Verbands der Informations- und Telekommunikationsindustrie, der Politik vergangene Woche ins Stammbuch.Dinge, die bereits beim letzten Treffen vor einem Jahr auf der Agenda standen und auch in den Jahren davor. Doch nun werden solche Forderungen Nebensache. Der fünfte IT-Gipfel, das Treffen der Spitzen aus Politik und IT, hat sein Thema gefunden, so ganz ohne Zutun der Beteiligten.

Es geht um Daten und die Frage, wie und ob man sie überhaupt schützen kann. Die Veröffentlichung von Diplomaten-Depeschen auf der Internet-Plattform Wikileaks hat schmerzlich vor Augen geführt, wie schnell die Informationen dort sind, wo sie nicht hingehören. Auf den 69-jährigen Scheer, einen alten Hasen in der deutschen IT-Industrie, wartet die vielleicht größte Herausforderung, seit er das Präsidentenamt übernommen hat.

Der Fall Wikileaks kommt für den angesehenen IT-Experten zu einer denkbar ungünstigen Zeit. Gerade erst hat er der Politik den Entwurf einer Selbstverpflichtung vorgelegt. Inhalt: der Umgang von IT-Unternehmen mit sogenannten Geodaten, Informationen wie den Straßenfotos von Google (Street View).

Doch der Entwurf fruchtete nicht so ganz, Datenschützer kritisieren fehlende Sanktionsmöglichkeiten. Das ist ein Vorgeschmack auf das, was den leidenschaftlichen Jazz-Musiker, der dann und wann auch zu seinen Auftritten mit dem Saxophon die Öffentlichkeit einlädt, ab Dienstag erwartet.

Scheer muss verhindern, dass die Politik allzu restriktive Vorgaben beim Umgang mit Daten festzurrt. Eine schwierige und emotionale Debatte, muss er doch Politiker überzeugen, die gerade am eigenen Leib erfahren haben, was es bedeutet, wenn Daten in falsche Hände geraten.

Doch die Herkulesaufgabe duldet keinen Aufschub. Denn der wirtschaftliche Druck ist groß. Die IT-Industrie träumt davon, künftig für Unternehmen nicht nur Computer und Software zu steuern, sondern auch deren Daten. Cloud-Computing (IT aus der Wolke) heißt das Schlagwort, die Mitgliedsfirmen des Bitkom wittern ein Milliardengeschäft. "Cloud made in Germany könnte weltweit zum Schlagwort für sichere Lösungen werden", warb Scheer erst in der vergangenen Woche im Handelsblatt.

Doch seit Wikileaks ist das Geschäft fragiler geworden. Gleich zwei Cloud-Anbieter, unter anderem Amazon, hatten in der vergangenen Woche Wikileaks von ihren Netzwerkrechnern verbannt und den Anbieter damit lahmgelegt. Die Sorge von Unternehmen, bei einem Gang in die "Wolke" Ähnliches zu erleben, wächst. Ängste, die der gut verdrahtete Scheer nun ernst nehmen muss.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt

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