Auslands-Probleme
Mit heißer Nadel

Bei der Produktion nur auf die Kosten zu schielen, zahlt sich nicht aus: Qualitätsprobleme einer Fertigung im Ausland bringen oft teuren Ärger ein. Manche Unternehmen machen so katastrophale Erfahrungen, dass sie nur einen Ausweg sehen: Die Flucht nach Hause.

Der Haushaltsartikel-Hersteller verschanzte sich hinter sperrigem Pressemeldungs-Deutsch. Verantwortlich für den plötzlichen Umsatzrückgang seien „unvermeidliche Lieferengpässe im Zuge der erweiterten internationalen Beschaffungsstrategie“, ließ Leifheit kürzlich auf der Messe „Ambiente“ verlauten. Der Hintergrund: Das Unternehmen hatte die Produktion von Personenwaagen der Tochterfirma Soehnle Ende 2005 von Murrhardt in Baden-Württemberg nach China verlagert. Welche Probleme dabei genau aufgetreten waren, dazu wollte sich Leifheit offiziell nicht äußern. Aus unternehmensnahen Kreisen war aber zu erfahren, dass die ersten Waagen aus Fernost qualitativ einfach zu schlecht waren, um sie in den Handel zu bringen.

„Die meisten Manager machen die Entscheidung über den Produktionsstandort viel zu sehr an den Lohnkosten fest,“ kritisiert Hanno Brandes, Direktor beim Beratungsunternehmen Management Engineers. „Für Einkäufer ist es natürlich das größte Erfolgserlebnis, atemberaubend niedrige Einkaufspreise reingeholt zu haben. Als Kriterium für eine Standortentscheidung reicht das aber bei Weitem nicht aus.“

Probleme entstünden bei Auslandsengagements vor allem deshalb, weil die Unternehmen dem Qualitätsmanagement zu wenig Bedeutung beimessen, glaubt Wolfgang Kaerkes, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Qualität. „Qualitätsanforderungen werden in den Führungsetagen eher verwaltet und dokumentiert. Aber sie sind selten integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie.“

Die Folge: Immer mehr Firmen machen bei der Produktion im kostengünstigeren Ausland katastrophal schlechte Erfahrungen. Manchmal sind die Probleme so groß, dass es nur einen Ausweg gibt – die Rückkehr in die Heimat.

Die Firma Format Tresorbau etwa verlegte im vergangenen Sommer die Produktion ihrer Präzisions-Geldschränke zurück nach Hessisch-Lichtenau. Zwei Jahre lang hatte das Unternehmen im polnischen Bromberg produzieren lassen. Doch die Qualität reichte nicht aus. Ständig mussten Lieferungen aus Polen aufwändig nachgearbeitet werden. Als dann auch noch die Transportkosten durch hohe Spritpreise und Mautgebühren immer weiter stiegen, entschloss sich die Format Tresorbau zur Rückkehr. Heute betrachtet das Unternehmen Hessisch-Lichtenau als optimalen Produktionsstandort – auch weil nur von hier aus die geforderten kurzen Lieferzeiten zu gewährleisten sind.

Ähnliche Erfahrungen machte die Firma N-Tec aus dem bayerischen Ismaning. Sie verkauft hochspezialisierte Datenspeicher, auf denen die Bilder der Überwachungskameras in Spielcasinos, aber auch lebenswichtige Daten in Flugzeugen und U-Booten gelagert werden. Vor sechs Jahren verlegte N-Tec die Produktion nach Tschechien. „Wir konnten die Kosten um etwa 15 Prozent senken. Aber dieser Vorteil stand in überhaupt keiner Relation zu dem Ärger, den wir damit hatten“, erzählt N-Tec-Geschäftsführer Sven Meyerhofer. „Es gab große Qualitätsabweichungen, Liefertermine platzten, und für all das mussten wir uns gegenüber den Kunden rechtfertigen. Als Grund nannten die Partner in Tschechien immer nur Werkzeugbruch. Das war irgendwann nicht mehr glaubwürdig“, ärgert sich Meyerhofer.

Ein halbes Jahr lang sahen er und seine Partner sich das Drama an, dann zogen sie die Reißleine. Jetzt entstehen die Datenspeicher wieder in Niederbayern. Und N-Tec wirbt damit, deutscher Produzent zu sein. „Wir garantieren einigen großen Kunden, auch in fünf oder zehn Jahren noch Ersatzteile zu liefern“, betont der Geschäftsführer. „Das könnten wir aber seriöserweise niemals versprechen, wenn wir in Tschechien oder Fernost produzieren ließen.“ Allein die Frage, ob ein ausländischer Produzent gesund sei oder kurz vor der Pleite stehe, ließe sich von Deutschland aus kaum beurteilen.

Auch Berater Hanno Brandes warnt vor Problemen durch Kontrollverlust und mangelnde Treue zum Auftraggeber. „Die Loyalität ist gerade in China sehr gering. Das gilt für das ganze Partnerunternehmen als auch für einzelne Angestellte. Wenn die Firma auf der gegenüberliegenden Straßenseite zehn Prozent mehr Lohn bietet, arbeitet der Mitarbeiter eben in der nächsten Woche dort.“ Ärgerlich ist das vor allem, wenn das Personal mit viel Aufwand auf europäische Standards getrimmt wurde.

Die Klagen über schlechte Qualität bei der Produktion im Ausland häufen sich. Allerdings muss ein Unternehmen keineswegs nach Fernost gehen, um schlechte Erfahrung zu machen: Pünktlich zu den Olympischen Winterspielen lieferte Adidas chice Mützen für das Deutsche Team. Allerdings hatte die Fabrik aus der deutschen kurzerhand eine belgische Fahne gemacht. Dieser Fauxpas unterlief nicht etwa chinesischen Billiglöhnern. Selbst den Schweizer Nachbarn, sonst bekannt für Qualität und Präzision, scheinen die Unterschiede nicht so geläufig – dort nämlich waren die Mützen hergestellt worden.

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