Autokrise
Ingenieure behalten die Macht bei Honda

Überraschend muss Honda-Präsident Takeo Fukui seinen Posten räumen. Doch der zweitgrößte Autohersteller Japans bleibt sich auch in einer schweren Absatzkrise treu. Denn mit Takanobu Ito bleibt das Ruder fest in der Hand der Ingenieure. Und deren Ziel ist klar: Gestärkt aus der Krise hervorgehen - und die Konkurrenz abhängen.

TOKIO. Als Kind schraubte Takanobu Ito an seinem Mofa herum, nach Schulabschluss wollte er Flugzeugkonstrukteur werden. "Versuch?s doch erst mal mit Autos, das ist realistischer", riet ihm ein Mitarbeiter des Autoherstellers Honda bei einer Veranstaltung in Tokio. Ito studierte daher an Japans zweitbester Uni Ingenieurwissenschaften und ging tatsächlich zu Honda.

Jetzt, dreißig Jahre später, wird Ito doch noch mit Flugzeugen zu tun haben. Ab der regulären Hauptversammlung im Juni wird er den gesamten Honda-Konzern führen - und der leistet sich seit kurzem auch eine Flugzeugsparte. Der bisherige Präsident und CEO Takeo Fukui tritt zurück und wird Sonderberater mit Vorstandsrang. Der Wechsel kommt kurz vor Fukuis 65 Geburtstag. Die Ankündigung kam gestern etwas überraschend, in der Sache gilt das Vorrücken des 55-jährigen Ito als geplant und vorbereitet.

Ito setzt bei dem zweitgrößten japanischen Fahrzeughersteller eine Tradition fort: Es sind Ingenieure und keine Betriebswirte, die das Unternehmen führen. "Honda soll ein Unternehmen sein, das Spaß macht", sagt Ito. Das mag in den Ohren der bereits entlassenen Vertragsarbeiter zynisch klingen, ist aber eher auf den Kunden gemünzt. "Jeder, der sich eines unserer Autos kauft, soll sich wirklich daran freuen, und sagen: wie gut, dass ich einen Honda genommen habe", erklärt Ito. Mit derzeit etwas über vier Millionen verkauften Autos pro Jahr ist das Unternehmen die weltweite Nummer sieben nach Ford und Hyundai, aber vor PSA Peugeot Citroen.

Götterdämmerung in der Autoindustrie

Wenn Ito neben Fukui sitzt, zeigen sich zwei unterschiedliche Managertypen. Fukui ist eher der trockene, bis zur Beleidigung deutliche Asket. Ito wirkt runder, verbindlicher. Die zurückgekämmten Haare und die Brille mit dem dicken Gestell könnten auch an einen Intellektuellen denken lassen - wenn er nicht immer die Liebe zum Auto in den Vordergrund stellen würde. Selbst als Hobby gibt er "Autotouren" an - neben Walking und dem obligatorischen Golfspiel.

Gegenüber der katastrophalen Lage seiner Branche nimmt Ito eine pragmatische Haltung ein. Er sagt von sich, er möge Sparprogramme nicht - klar, welcher Manager schränkt das Geschäft schon gerne ein, statt es auszuweiten. "Aber ich darf jetzt nicht mehr als Entwickler denken, sondern muss alle Aspekte des Unternehmens sehen", sagt Ito. Ihm seien die Probleme der Mitarbeiter bewusst, deren Verträge das Unternehmen nicht verlängern könne. Von etwa 4500 Mitarbeitern trennt sich Honda auf diesem Wege.

Auch Honda leidet unter der Kaufverweigerung der Kunden weltweit: das Unternehmen wird im Geschäftsjahr bis März zehn Prozent weniger Autos abgesetzt haben als im Vorjahr. Trotzdem erwartet das Unternehmen noch einen kleinen Gewinn. Seinem Managementteam impfte er als Chef der Autosparte ein, dass sie die Kunden verstehen müssen. Die Leute wünschen sich grundsätzlich neue Autos, sagt Ito. Aber sie müssen heute dreimal mehr für die Rente zurücklegen als seine eigene Generation, und jetzt komme auch noch die Unsicherheit über die Zukunft hinzu. Vieles spreche aus Sicht junger Leute gegen die hohen Ausgaben für ein Auto. Umso wichtiger es, dass sie für ihr schweren Herzens ausgegebenes Geld das bekommen, was sie sich wirklich wünschen.

Wie schon Toyota und Mazda im vergangenen Monat setzt Honda gerade in der Krise seinen Nachfolgeplan konsequent um. Als Grund für den Führungswechsel gilt daher auch bei Honda ein Motiv, das die japanischen Qualitätshersteller derzeit alle gemeinsam haben. Wir wollen gestärkt aus der Krise hervorgehen, wiederholen die Firmenchefs. Gestärkt nicht in absoluten Zahlen, das wäre illusorisch, aber im Vergleich zur internationalen Konkurrenz. Seine Aufgabe beschreibt Ito entsprechend damit, "eine starke Ausgangslage für die Zeit nach der Krise zu schaffen und sie zugleich halbwegs unbeschadet zu überstehen".

Während die US-Hersteller kein Geld für Investitionen übrig haben, wollen die Japaner jetzt erst Recht in das Auto der neuen Generation investieren - es soll das Treibhausgas Kohlendioxid am besten gar nicht mehr ausstoßen, weshalb Honda in Stromgewinnung aus Solarzellen und in Wassrstoffanlagen für Einzelhaushalte investiert. Die Systeme könnten das Auto über einen Anschluss in der Garage gleich mitversorgen. Wichtigstes Produkt des Hauses ist daher die neue Version des Hybridautos "Insight". Ob es in der Praxis tatsächlich weniger verbraucht als Toyotas Konkurrenzprodukt Prius, muss sich noch erweisen.

Eines ist jedoch sicher: Honda kann das Auto deutlich billiger anbieten als die Konkurrenz - und das zählt in der Krise. Honda hat zudem die Stimmung im Volk besser aufgenommen als manche Bank. Ab Februar bezieht das gesamt Management niedrigere Gehälter, je höher im Rang, desto empfindlicher fällt die Kürzung aus. An einen Bonus ist unter diesen Umständen gar nicht zu denken. Dabei ist Honda gar nicht so hart von der Krise getroffen wie die US-Anbieter oder nur der direkte Konkurrent Nissan.

Honda gleicht mit einem Mehrabsatz von Motorrädern zum Teil aus, was die Autosparte an Umsatz verliert. Zudem läuft gerade in Schwellenländern das Geschäft gar nicht schlecht. Im Januar stieg der Absatz in China um ein Drittel. Im Sommer 2007 hatte Fukui den neun Jahre jüngeren Ito gefragt, ob er den ganzen Laden übernehmen würde. Ito war auf die Frage vorbereitet. Im April jenes Jahres hatte er die Verantwortung über alle Aspekte des Autogeschäfts übernommen. Der Ingenieur aus der Entwicklung überwachte von jetzt an bereits auch das Marketing und die Kostenseite des Geschäfts. Er sagte sofort zu. Von anderen Führungskräften des Unternehmens ist zu hören, dass Ito einen durchweg guten Ruf als Führungskraft und Ingenieur genießt.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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