"Autos sind wie Hollywood"
Bob Lutz: Immer Vollgas!

Er hat wieder einmal alles im Griff. Souverän bewegt sich der elegant-sportliche Zwei-Meter-Mann über das Messeparkett. Und dass ihn der Pulk der Journalisten auf dem Stand der US-Autoshow in Detroit fast zu erdrücken droht, stört ihn nicht im Geringsten. Er hat immer noch die Ruhe, einzelne Fragesteller mit einem aufmunternden Lächeln oder einem Klaps auf die Schulter persönlich zu begrüßen. Keine Spur von Ermüdung oder Genervtheit.

Das ist ungewöhnlich. Denn Bob Lutz, verantwortlich für die Produktentwicklung beim angeschlagenen US-Autobauer General Motors, hat derzeit viel um die Ohren. Trotz neuer Modelle schloss der größte Autobauer der Welt das Jahr mit Milliardenverlust in den USA ab. Lutz musste bereits die Verantwortung für das US-Geschäft abgeben. GM balanciert am Rande des Abgrunds, auch wenn die Gefahr einer Insolvenz schon einmal größer war. Und nun macht auch GM-Großaktionär Kirk Kerkorian mächtig Druck.

Gerade in dieser angespannten Situation hilft Bob Lutz seine Routine. Davon hat in der internationalen Autobranche niemand mehr als er. Denn in vier Wochen wird er 74, ein Alter, in dem sich seine Ex-Weggefährten die Zeit mit Golfspielen vertreiben und ihr Vermögen genießen. Aber Lutz will von Ruhestand nichts wissen. „Der würde nach einigen Tagen die Wände hochgehen“, sagt ein Vertrauter. Mit GM die Verliererstraße zu verlassen ist ihm eine Herzensangelegenheit.

Dass es ihm gelingen kann, eine US-Marke wieder zu beleben, hat er mit Cadillac bewiesen. Mit neuen, kantig designten Modellen und einer deutlich höheren Qualität holte er die US-Premiummarke in den letzten Jahren aus der Bedeutungslosigkeit zurück. Cadillac kann sich wieder sehen lassen und findet selbst in Europa wieder Käufer. Dies muss er nun mit den GM-Massenmarken schaffen. Er hat die Verantwortung für Namen wie Chevrolet, Pontiac, Buick oder Oldsmobile.

Der gebürtige Schweizer, der 1932 in Zürich als Sohn eines Bankiers auf die Welt kam und früh mit seiner Familie in die USA auswanderte, ist eine lebende Ikone der US-Autoindustrie. Er ist der einzige Manager, der bei allen drei Großen der Branche im Vorstand saß. Bei Chrysler war er von 1986 bis 1998, wo er als Präsident und operativer Chef arbeitete. Er stand schon mal an der Spitze von Opel und Ford Europa. Und selbst beim Münchener Autobauer BMW saß er in der Ära Eberhard von Kuenheim im Vorstand. Eine lange Karriere. Doch auf Fragen nach seinem Ausscheiden findet der sportliche, absolute Autonarr immer neue Antworten. Sein Vater sei noch mit 90 Jahren jeden Tag ins Büro gegangen, „ich muss so lange arbeiten wie meine Frau gerne einkauft“, oder das Neueste: „Ich kann nicht aufhören, solange der Treibstoffpreis so hoch ist.“

Denn das Lieblingsspielzeug des 73-Jährigen sind nicht etwa seine 30 Oldtimer, sondern ein Alpha-Jet, den der ehemalige Kampfpilot für 650 000 Dollar vor kurzem von der Bundeswehr gekauft hat. Er benutzt den Jet, der fast Schallgeschwindigkeit schafft, schon mal, um Freunde zu besuchen. Was normale Menschen den Blutdruck hochtreibt, entspannt Lutz. Fliegen liegt in der Familie. So nimmt seine dritte Frau Denise im heimischen Ann Arbor, etwa eine Autostunde von Detroit entfernt, gerne mal den eigenen Hubschrauber, um einzukaufen.

Wer die Familie Lutz mit dem Auto besucht, spürt einen Hauch von Southfork Ranch. Am Tor des etwa ein Quadratkilometer großen Geländes prangt unübersehbar das Schild „Lutz-Ranch“. Doch nach einigen Minuten Fahrzeit durch den üppigen Park mit See und Hubschrauber-Landeplatz taucht nicht etwa ein typisches Südstaatenhaus auf, sondern ein echt Schweizer Chalet mit „original Schweizer Balken“, wie der Hausherr stolz betont. Groß, stabil und etwas knorzig – so wie der Hausherr selbst.

Rücksichten aus Karrieregründen muss Lutz längst nicht mehr nehmen. Das bringt ihm in Verbindung mit einer gewissen Eitelkeit nicht nur Freunde. Der Ex-Offizier einer US-Eliteeinheit liebt klare Worte, auch wenn sie knallhart sind. Und er mag Vergleiche: Den jüngsten Vorstoß des GM-Großaktionärs Kirk Kerkorian, der über den Sprecher seiner Finanzholding Tracinda verkünden ließ, GM solle sich von Saab und Hummer trennen, konterte Lutz. Es mache keinen Sinn, bei einem Omelett, das in der Pfanne zusammengerührt ist, zwei Eier wieder herauszunehmen und in den Kühlschrank zurückzustellen. Kurzum: Er persönlich hält eine Trennung für Unsinn.

Die immer schärferen US-Emissionsrichtlinien kommentierte er damit, dass einige Staaten verlangen würden, „Autos zu mobilen Luftreinigungsmaschinen umzubauen“. Auch im eigenen Hause bekommen manche Manager zuweilen Schaum vor dem Mund, wenn sie die Äußerungen des 73-Jährigen in der Zeitung lesen. So düpierte er die europäischen Verantwortlichen mitten in der Phase der Opel-Restrukturierung öffentlich mit der Bemerkung, dass das Design des damals neuen Vectra den Kunden nicht gerade das Portemonnaie aus der Tasche ziehe. In Rüsselsheim kochten einige vor Wut.

Doch das stört Lutz wenig, denn er ist überzeugt von dem, was er denkt und tut. Sein Credo ist es, Autos zu bauen, die die Leute unbedingt haben wollen. „Autos sind wie Hollywood – sehr emotional. Unsere Branche heißt Kunst und Unterhaltung.“

Bei Chrysler ist ihm das zum Teil mit Modellen wie dem Jeep Grand Cherokee und dem PT Cruiser gelungen. Bei GM lässt der große Erfolg noch auf sich warten. Doch wegen der langen Entwicklungszyklen in der Branche wird seine Handschrift erst jetzt, nach rund viereinhalb Jahren bei GM, richtig deutlich. In Qualitätsranglisten sind die Marken deutlich nach vorne gerückt.

Nun müssen nur noch Amerikas Autokäufer die Anstrengungen honorieren. Allerdings teilt die Masse nicht immer den Geschmack von Lutz, der den Toyota Camry einmal als eines der hässlichsten Autos bezeichnete, das je über US-Straßen fuhr. Der Camry ist seit Jahren der meistverkaufte PKW in den USA.

Daneben lag Lutz auch mit einer anderen Einschätzung. So gründete er die Cunningham Motor Company, um die US-Sportwagenmarke wieder aufleben zu lassen. Doch es gab Probleme mit der Familie, die über die Namensrechte verfügte. Als dann noch Bentley ein Auto auf den Markt brachte, das seinen Vorstellungen sehr nahe kam, stoppte er das Projekt und schrieb die Investition ab.

Länger arbeiten müsste er deswegen aber nicht: Sein Vermögen wird auf einen deutlichen dreistelligen Millionenbetrag geschätzt.

Vita von Bob Lutz

1932
Er wird am 12. Februar in Zürich geboren. Er macht seinen Bachelor-Abschluss in Produktionsmanagement an der University California-Berkley.

1963
Lutz beginnt bei General Motors (GM) und bekleidet in den Folgejahren verschiedene Vorstandsämter bei GM in Europa, u.a. Verkaufsvorstand der Adam Opel AG in Rüsselsheim. 1972 wird er Verkaufsvorstand bei BMW in München.

1974
Lutz wechselt zu Ford und wird u.a. Europachef.

1986
Er wechselt zu Chrysler und wird u.a. Vorstand für das operative Geschäft. 1999 wird er Chef von Exide, dem weltgrößten Batteriehersteller.

2001
Lutz übernimmt als Vorstand das Amerika-Geschäft von GM.

2005
Lutz wird verantwortlich für die weltweite Produktentwicklung.

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