Bäumler
Die Madras-Blusen sind an allem schuld

Sanjiv Singh bringt das traditionsreiche Textilunternehmen Bäumler auf Vordermann. Vor kurzem zog er für den Herrenausstatter einen Großauftrag von der italienischen Nobelmarke Cerruti an Land. Bald will der 37-Jährige Läden unter eigener Marke eröffnen.

INGOLSTADT. Am Abend hat der italienische Designer Cerruti ins Auditorium des Cité de l’Architecture geladen. In eine Art Verließ, dessen Rundbögen in gedämpftes Licht getaucht sind. Sanjiv Singh sitzt bei der Schau zur Pariser Fashion Week in der ersten Reihe und wirkt ein wenig nervös. Er streicht sich noch mal über die gegelten Haare, dann geht es los. Die Bässe vibrieren, Singh analysiert die Verarbeitung der Stoffe, welche die Models vorführen.

Es ist der Tag, an dem Singh seinen ersten großen Auftrag für die Bäumler AG einfädelt. Künftig wird der Herrenausstatter aus Ingolstadt Anzüge für die italienische Nobelmarke Cerruti nähen. „Das ist eine sensationelle Nachricht“, findet Singh. Sie bedeutet zumindest frisches Geld. Sechs bis zehn Millionen im kommenden Jahr. Geld, das er dringend braucht, um aus Bäumler wieder das zu machen, was es eigentlich immer schon war: ein klassischer Herrenausstatter, der für gute Anzüge steht. Er will, dass die Modefirma künftig nicht nur für andere fertigt, sondern auch unter eigener Marke und in eigenen Geschäften.

„Wir wollen die deutsche DNA der Marke mit Style und Coolness aufladen“, formuliert es Singh. Er trägt ein schwarzes Hemd zu seinem Anzug, Größe 50. Seit etwas mehr als einem Jahr ist er Chef der Bäumler AG. Er hat Wirtschaftsprüfung, Steuern, Finanzierung und Immobilienökonomie studiert. „Ich hätte auch bei der Unternehmensberatung Accenture landen können“, sagt er.

Aber dann verzieht er sein Bollywood-Gesicht und erzählt von der Madras-Bluse. Sein Vater, der aus Neu-Delhi stammt, importierte Ende der Sechziger die Batikblusen aus Indien. Singh kokettiert damit: „Ich bin 1971 auf einer Kiste Madras-Blusen geboren.“ Und so wird er nicht Berater, sondern Trainee beim Modekonzern Hugo Boss. „Einer meiner Besten“, sagt Gerhard Flosdorff, der in den neunziger Jahren die Marketingmaschine Hugo Boss erfunden hat. „Es gibt nur wenige mit einem solchen Charakter. Intelligent und das Herz am rechten Fleck“, sagt Flosdorff. Eigenschaften, die auch Strellson, Tommy Hilfiger und Escada dazu bewegten, Singh anzuwerben.

Nun also soll der 37-Jährige den Turn-around bei Bäumler schaffen. Bei diesem Traditionshersteller, der noch in den siebziger Jahren größer war als das Metzinger Unternehmen, bei dem er das Geschäft lernte. Und den es heute um ein Haar nicht mehr geben würde, weil Bäumler meist nur für andere nähte, dabei zwar auf Qualität achtete, aber im Gegensatz zu Boss nicht auf die eigene Marke. Viel zu spät reagierten darauf Hans Bäumler, der 1968 die Geschäfte von seinem Vater übernahm, und seine Nachfolger, dass die Konkurrenz bereits im billigeren Ausland nähen ließ. Dass es zu teuer war, sieben Läger zu unterhalten. Und sie merkten zu spät, dass die Banken das Spiel nicht mehr mitspielen würden.

Heute gehört Bäumler der Crédit Suisse und dem US-Investor Eos. Die haben Singh geholt, um die vergessene Marke aufzupeppen. Das Geschäftsjahr 2008, das erste, das Singh verantwortet, hat er gerade mit einem kleinen Gewinn von 19 000 Euro vor Steuern abgeschlossen, das erste Plus seit neun Jahren. Im Jahr zuvor stand wegen der Sanierung noch ein Verlust von über zwei Millionen Euro in den Büchern. Inzwischen liegt die Eigenkapitalquote laut Singh bei 30 Prozent. Der Umsatz erreicht 83 Millionen Euro. Zwar sei das laufende Jahr wegen der Krise noch mal ein Übergangsjahr, „dann können wir aber endlich wachsen“, hofft er. Dafür setzt er auf eigene Geschäfte, weil dort die Bruttomarge zwei- bis dreimal höher sei als bei der Produktion für Franchise-Nehmer oder von Eigenmarken für Peek & Cloppenburg.

„In Dresden haben wir eine gute Lage direkt an der Frauenkirche in Aussicht“, sagt er. Auch in München und Berlin will er einen Shop eröffnen. Fünf Jahre haben ihm die Investoren gegeben. Dann soll Bäumler wieder, wie einst, mehr als 100 Millionen Euro Umsatz erreichen – und richtig Geld verdienen. „Das ist schon eine Challenge“, räumt er ein, „aber wir liegen im Plan.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%