Bahnchef
Hartmut Mehdorn – Diplomat wider Willen

Bahnchef Hartmut Mehdorn hat viel erreicht. Doch jetzt legen ihm ausgerechnet seine eigenen Mitarbeiter Steine auf die Erfolgsschiene – sie streiken.

BERLIN. Das hat ihm gerade noch gefehlt: Bei einer Forsa-Umfrage, wem von hundert Prominenten die Deutschen Vertrauen schenken würden, landete Hartmut Mehdorn jetzt auf Platz 99. Den einzigen Platz hinter ihm belegte der im Dopingskandal zu Fall gekommen Radprofi Jan Ulrich.

Doch der sturmerprobte Bahnchef wird es, wenn überhaupt, gelassen zur Kenntnis nehmen. Er hat andere Sorgen. Der Tarifkonflikt mit den Gewerkschaften wird ihm, ganz ohne Dopingmittel, derzeit zu dauerhaften Adrenalin-Ausschüttungen verhelfen. Auch wenn es ihm am Montag gelang, in den Verhandlungen mit den Gewerkschaften Transnet und GDBA eine Einigung zu erzielen, ist der Konflikt mit der bockbeinigen Lokführergewerkschaft GDL nicht vom Tisch. Im vollen Bewusstsein ihrer alles lähmenden Machtstellung träumt sie vom Pilotenglanz und einem besonderen Tarifvertrag fürs fahrende Personal.

An den Begehrlichkeiten der drei Eisenbahnergewerkschaften ist Mehdorn nicht ganz unschuldig. Nicht nur, dass er für die Lokführer schicke Ledermonturen mit Schulterklappen schneidern ließ und sie dadurch ein bisschen zu Schienenpiloten machte. Auch der Umstand, dass er landauf, landab bei jeder Gelegenheit dem Stolz über die Aufwärtsentwicklung der Bahn-Bilanzen freien Lauf ließ, musste letztlich zu hohen Tarifforderungen auf der Arbeitnehmerseite führen. Im politischen Berlin gibt es etliche, auch der Bahn Gutgesinnte, die nur mit Kopfschütteln verfolgt haben, wie Mehdorn das unterschätzen konnte.

Ausgerechnet jetzt, wo er kurz davor stand, sein Lebenswerk zu krönen, fuhr ihm die Belegschaft in die Parade. Gerade erst wurde Mehdorns Vertrag bis zum Mai 2011 verlängert, damit unter seiner Führung die Teilprivatisierung des noch bundeseigenen Konzerns gestartet werden kann. Zuvor hatte die Bundesregierung signalisiert, dass sie geschlossen hinter der von Mehdorn gegen alle Widerstände hartnäckig verfolgten Absicht steht, den Konzern als Ganzes, also mit Netz, privaten Mit-Investoren anzudienen. Hinzu kommen Wirtschaftsergebnisse, die getragen vom harten Sanierungskurs und der blühenden Konjunktur alle Miesmacher zum Schweigen gebracht haben.

Und nun legen ihm ausgerechnet die eigenen Mitarbeiter Steine auf die Erfolgsschiene. Verwundern kann es den gebürtigen Berliner und studierten Maschinenbauer, der seit knapp acht Jahren an der Spitze der Bahn steht, eigentlich nicht. Denn jahrelang haben die Gewerkschaften seinen Kurs zum Erhalt des integrierten Konzerns einschließlich der Schieneninfrastruktur gestützt. Sie hielten sich in Tarifverhandlungen zurück, wurden allerdings auch durch ein Beschäftigungsbündnis, das vor betriebsbedingten Kündigungen schützt, bei Laune gehalten.

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