Balda
Wortlos an den Rande des Abgrunds

Balda-Chef Joachim Gut hat den Handyausrüster an den Rand der Insolvenz geführt. Kritik will er sich dennoch nicht gefallen lassen.
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DÜSSELDORF.Herr Gut kommt nicht. Es ist Freitag, 14:00 Uhr, in Bad Oeynhausen, dem Sitz des ostwestfälischen Handyausrüsters Balda. In der Nacht zuvor hat Vorstandschef Joachim Gut beschlossen, die zum Jahresende verkaufte Tochter Balda Solutions zurückzunehmen. Voraus gingen wochenlanges Durcheinander, verspätetete Gehaltszahlungen, zuletzt war die Rede von Insolvenz. Nun warten 250 Mitarbeiter der Balda Solutions gespannt auf eine Erklärung, warum sie an eine Briefkastenfirma in Oberbayern verkauft wurden, die nicht einmal eine Telefonnummer hat. Doch Gut lässt sich nicht blicken. Er schickt seinen Finanzvorstand Dirk Eichelberger zu den Mitarbeitern. Der ist erst seit vier Monaten im Amt.

Herr Gut ist nicht zu sprechen. Tagelang hat der Analyst versucht, mit dem Vorstandsvorsitzenden einen Termin zu vereinbaren. Es gibt so viele Fragen. Warum liegen Baldas Marktprognosen so weit über denen der Marktforscher? Wie genau soll die Refinanzierung des Unternehmens laufen? Und wann will Balda endlich die Zahlen für das Jahr 2007 vorlegen? Der Analyst hätte gerne Antworten. Doch alle seine Versuche, Gut zu Gesicht zu bekommen, scheitern. Er muss sich schließlich mit einem Telefongespräch begnügen, das der Vorstand vom Taxi aus führt. Statt Antworten zu erhalten, muss sich der Analyst eine Gegenfrage anhören. „Was wollen Sie eigentlich von mir“, klingt es aus dem Telefon. „Ihr Haus schreibt doch auch nicht gerade satte Gewinne.“

Herr Gut möchte nichts sagen. Während bei Balda gerade mehr schiefgeht, als selbst die größten Kritiker sich bis vor kurzem vorstellen konnten, verhält sich der Vorstandsvorsitzende wie ein Geistlicher mit Schweigegelübte. Seit Tagen prasselt die Kritik auf den Balda-Chef nieder. Gut hat durch den Verkauf einer Tochtergesellschaft den ganzen Konzern in Schieflage gebracht. Balda schickte jüngst mitten in der Nacht eine Mitteilung heraus, in der das Unternehmen vor einer drohenden Zahlungsunfähigkeit warnte. Doch alle Anfragen der Medien, ob der Vorstandschef nicht irgendwann einmal persönliche Konsequenzen ziehen müsste, laufen ins Leere.

„Herr Gut ist kein selbstkritischer Mensch“, sagt einer, der seit Jahren mit dem Balda-Chef Umgang pflegt. „Ich kann mich nicht erinnern, dass er je einen Fehler eingestanden hätte.“

Mit dieser Eigenschaft ist Joachim Gut nicht alleine, schon gar nicht unter deutschen Vorständen. Doch die Eisernheit, mit der Gut jede Kritik an sich abprallen lässt, verblüfft. Im vergangenen Dezember verkaufte Balda sein defizitäres europäisches Plastikschalengeschäft. Die Entscheidung fand in der Branche Beifall. Die europäischen Kunden von Balda sind entweder pleite oder nach Asien umgezogen – da kann Balda nicht hier bleiben. So weit, so vernünftig.

Doch Gut passierte beim Verkauf, was nicht passieren darf. Balda garantierte dem Abnehmer KS Plastic, dass die Verluste der Tochtergesellschaft bis zum Jahresende 2007ausgeglichen würden. Dabei ließ man aber offen, wie hoch diese Verluste eigentlich sind. KS Plastic nutzte die Chance und schrieb offenbar alles ab, was nur abzuschreiben war. Statt einem „niedrigen zweistelligen Millionenbetrag“, den Gut stets angegeben hatte, verlangte KS Plastic plötzlich bis zu 40 Millionen Euro.

Wie konnte es dazu kommen? „Ich glaube, Gut kommt sich zu groß für Bad Oeynhausen vor“, sagt Betriebsrat Andreas Kröger. „Asien, High Tech, das ist seine Welt. Handyschalen in Ostwestfalen – dafür hat der doch gar keinen Nerv mehr.“

Tatsächlich eilt Gut der Ruf voraus, in Asien beste Kontakte zu pflegen. Es war Gut, der gemeinsam mit Michael Chiang in China eine Kooperation vereinbarte, die Balda nun lukrative Aufträge beschert. Das Joint Venture der beiden, TPK, stellt in China Touch-Screens her, die unter anderem in das neue iPhone von Apple eingebaut werden. Die Beziehung zwischen Gut und Chiang ist so eng, dass Baldas Großaktionäre Angst haben, den deutschen Vorstandschef zu hart anzugehen.

Obwohl sonst wenig zimperliche Hedge-Fonds-Manager wie Guy Wyser-Pratte und Michael Treichl in den vergangenen Monaten zweistellige Millionenbeträge verloren haben, rütteln sie nicht an dem Amt des Vorstandsvorsitzenden. „Wahrscheinlich gibt es in den Verträgen zwischen Balda und TPK Klauseln, die Chiang den Ausstieg erlauben, falls Gut abgelöst wird“, sagt ein Analyst. „Und was wäre Balda ohne das TPK-Geschäft? Dann wäre doch sämtliche Wachstumsfantasie raus aus der Aktie.“

So kommt es, dass Joachim Gut noch immer an der Spitze von Balda steht – und bis auf weiteres wohl auch dort bleibt. Weil die Großaktionäre ihre Wut nicht vollkommen herunterschlucken wollen, fordern sie nun den Rücktritt des Aufsichtsratsvorsitzenden Richard Roy – aber auch der scheint immun. Am Wochenende lehnte er Anfragen zu Balda mit der Begründung ab, er spiele gerade Golf.

Selbst für den Fall, dass bei Balda auch der Vorstand infrage gestellt wird, hat der Chefkontrolleur bereits Vorsorge getroffen. Guts Vertrag wurde nach Baldas Katastrophenjahr 2006 um fünf Jahre verlängert.

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche

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