Balzac Coffee
Kaffeekönigin

Vanessa Kullmann wusste lange nicht, was sie mit sich anfangen sollte. Dann kam sie auf den Geschmack – an Kaffee aus Pappbechern bei Starbucks. Ihren Durst konnte sie seitdem nicht mehr stillen. Dafür brüht und brodelt ihre Kaffeehauskette Balzac Coffee heute in ganz Norddeutschland.

DÜSSELDORF. Die erste Unterschrift jagt ihr heute kalte Schauer über den Rücken. 26 Jahre jung, ohne Konzept und von Gelddingen keine Ahnung unterschreibt Vanessa Kullmann im Frühjahr 1998 einen Fünf-Jahres-Mietvertrag für ein Ladengeschäft in den Colonnaden an der Alster. Eine piekfeine Adresse in Hamburg. Ihre Idee: in Deutschland eine Kaffeehauskette im amerikanischen Stil à la Starbucks gründen. „Der Laden war die Chance, und ich habe die Chance einfach ergriffen“, sagt Kullmann, lacht und zuckt mit den Schultern. Sie wusste damals einfach, was sie wollte – zum ersten Mal in ihrem Leben.

Auch nicht die negativen Ergebnisse eines Markttests, den sie vor dem Laden durchführt, um Argumentationsstoff für Investoren zu sammeln, lassen die junge Frau mit den großen braunen Augen den Mietvertrag wieder canceln . Keiner der befragten Passanten kann sich vorstellen, Kaffee im Gehen aus einem Pappbecher mit Plastikdeckel zu trinken und dafür fünf Mark zu zahlen. Mit einem „Ach, die wissen ja gar nicht, was ihnen entgeht!“ wischt die Pionierin mit dem unschuldigen Blick eines Kindes die schlechten Nachrichten vom Tisch – und bringt die Deutschen Schlückchen für Schlückchen auf den Geschmack.

Balzac Coffee ist heute eine Kaffeehauskette mit 36 Filialen in Hamburg, Berlin, Hannover und Lübeck. Für frische Muffins, Donuts und Marmorkuchen sorgt die eigene Bäckerei. 410 Mitarbeiter, 70 davon in Vollzeit, stehen im Dienste der deutschen Kaffeehauskette nach amerikanischem Vorbild und mit französischem Namen. Im Jahr 2005 machte Balzac Coffee zwölf Millionen Euro Umsatz und schrieb eigenen Angaben zufolge mit braunen Bohnen schwarze Zahlen. Aktuellere Angaben gibt es nicht. Die Jungunternehmerin selbst ist als die „Kaffeekönigin von Hamburg“ bekannt – auch wenn sie ihre Freizeit inzwischen viel lieber in New York bei ihrem Freund, dem Fotografen Jameel Khaja verbringt. Seit Mai 2006 kann sich die 35-Jährige zudem „Unternehmerin des Jahres“ nennen – eine Auszeichnung, die das Champagnerhaus Veuve Cliquot seit 1972 verleiht. „Vanessa Kullmann vereint pionierhaftes Handeln und Wagemut mit Kreativität und einem unbändigen Selbstvertrauen. Visionäre Fähigkeiten ermöglichten es ihr, eine amerikanische Geschäftsidee früh nach Deutschland zu bringen, die Nische geschickt zu besetzen, um anschließend stark zu expandieren“, begründete Juror und Cartier-Europachef Tom Meggle die Wahl.

Die Nase trägt die Hanseatin deshalb nicht höher. Ihr Auftreten ist ruhig und doch bestimmt. Von Typ und Gestik wie dem Zurückschieben ihrer langen dunklen Haare erinnert Kullmann an die TV-Moderatorin Anne Will. Und ihr Lieblingsgetränk? „Haselnuss Latte macchiato!“ Von der Hausmarke und im praktischen Pappbecher, versteht sich. Bis sie beides allerdings wie jetzt in ihrem Hamburger Büro in der Burchardstraße ruhig in der Hand halten konnte, war es ein weiter Weg.

Mit dem Mietvertrag für den Laden in den Colonnaden macht sich Kullmann 1998 selbst Beine: „Jetzt gab es kein Zurück mehr!“ Unter Hochdruck übt sie sich in der elterlichen Waschküche mit einer professionellen Espressomaschine ab. Die Prozedur ist tricky: Das Wasser muss exakt 25 Sekunden durch den Siebträger laufen – bei einer Wassertemperatur von 89 bis 92 Grad Celsius. Eine zu lange Durchlaufzeit setzt Bitterstoffe frei und zerstört die Aromen. Ihre ersten Espressi können sich weder sehen, geschweige denn riechen oder trinken lassen. Entmutigen lässt sie sich nicht. Zu groß war das „Wow“-Erlebnis ihres ersten Coffee to go bei Starbucks in New York, und zu nachhaltig klingt die Durchhalteparole des Vaters in ihren Ohren nach: „Alles ist leicht, wenn man stark ist!“ Nach zwei Wochen ist die braune Brühe trinkbar, nach drei Wochen ein Genuss.

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