Bank of Moscow
Andrej Borodin kämpft um seine Ehre

Andrej Borodin, ehemaliger russischer Spitzenbanker, wehrt sich gegen Vorwürfe des Milliardenbetrugs. In London suchte er Exil und kämpft von dort gegen ein undurchsichtiges Netzwerk.

London, MoskauEr steht vor den Trümmern seiner Existenz - und doch wirkt Andrej Borodin alles andere als resigniert oder zermürbt. In Jeans und Turnschuhen erscheint er im Sheraton-Hotel am Flughafen London-Heathrow, über dem sportlichen Shirt baumelt ein modisches Jackett. Doch der 44-Jährige hat sich nicht auf den Golfplatz zurückgezogen, Borodin kämpft - um seinen Ruf als erfolgreicher Spitzenbanker. Schließlich hat er binnen 15 Jahren mit der Bank of Moscow die fünftgrößte Bank in Russland aufgebaut. Doch seit sein Mentor, der einst mächtige Bürgermeister Moskaus, Jurij Luschkow, nicht mehr im Amt ist, häufen sich Vorwürfe und Ermittlungen gegen Borodin, die ihn jetzt ins Londoner Exil getrieben haben. So suchen ihn die russischen Behörden wegen angeblichen Milliardenbetrugs inzwischen per Interpol, in seinem Heimatland droht ihm eine Anklage.

Borodin ist die Schlüsselfigur eines der größten Bankenskandale Russlands. Die Ermittler werfen ihm vor, über die Bank of Moscow 443 Millionen Dollar aus dem Budget der russischen Hauptstadt zu einer Briefkastenfirma auf Zypern transferiert zu haben. Zugriff auf das Geld soll die Immobilienfirma Inteko haben, die bis Dienstag noch Jelena Baturina gehörte, der Frau Luschkows.

Womöglich wird die Anklage um weitere Vorwürfe erweitert. Laut der Moskauer Zeitung "Kommersant" sollen insgesamt Kredite im Volumen von sechs Milliarden Dollar an Offshore-Firmen ohne erkennbare Sicherheiten vergeben worden sein. Das Geld soll aus den Kassen der Stadt Moskau stammen, die zu Borodins Zeiten als Bankchef 46,5 Prozent der Aktien direkt hielt und dieses Paket im Februar für 3,7 Milliarden Dollar an die Staatsbank VTB verkaufte - auf Betreiben von Sergej Sobjanin, der Luschkow als Rathauschef abgelöst hatte. Borodin ist sich keiner Schuld bewusst: "Wir haben unsere Kredite ordentlich geprüft und absolut sauber vergeben."

Kredite höherer Volumen habe außerdem ein Komitee bewilligt, dem seit Herbst 2008 fünf Vertreter der Zentralbank angehörten.
Der geschasste Spitzenbanker sieht sich als Opfer eines Komplotts: Die Übernahme der Bank of Moscow durch die russische Staatsbank VTB betrachtet er als politisch motiviert. Als die Moskauer Stadtregierung im Herbst 2010 unter dem neuen Bürgermeister Sergej Sobjanin den Verkauf des Anteilspakets beschloss, habe die "höchste politische Ebene" entschieden, die Aktien an die staatlich kontrollierte VTB zu übertragen. "Die russische Regierung hat kein Interesse, mehr Wettbewerb im Bankensektor zuzulassen", meint Borodin. "Diese feindliche Übernahme war von Anfang an ein abgekartetes Spiel."

Im Hause VTB sieht man das völlig anders. Bankchef Andrej Kostin hat bei der Zentralbank um einen Kredit über 295 Milliarden Rubel ersucht, rund zehn Milliarden Dollar. Damit soll das Risiko des Ausfalls von Krediten begrenzt werden, die unter Borodins Regie laut VTB-Angaben an Offshore-Firmen im Ausland vergeben wurden. Laut VTB ist bei der Bank of Moscow fast ein Drittel des Kreditvolumens von 50 Milliarden Dollar akut ausfallgefährdet.

Die Schieflage bei der Bank of Moscow führt Kostin auf "gaunerhafte Praktiken" des ehemaligen Managements um Borodin zurück. Insgesamt seien Mittel in Höhe von mehr als fünf Milliarden Dollar über zypriotische Offshore-Firmen abgeflossen. "Formal stehen diese Firmen nicht in Zusammenhang mit Borodin", so Kostin. "Es ist nicht immer einfach, diese Verbindungen herzustellen." Aber er habe "ganze Aktenordner" voll mit Dokumenten an die Staatsanwälte weitergeleitet. Insofern kann sich Andrej Borodin auf neue Vorwürfe einstellen, wobei für Außenstehende unklar bleibt, wer am Ende recht hat: Gerade im russischen Finanzsektor gehören Transaktionen über Offshore-Inseln wie Zypern zum Alltag. Dies zeigt sich schon daran, dass die größten Direktinvestitionen in Russland aus Zypern, der Schweiz oder Holland stammen - dort, wo viele russische Unternehmen aus steuerlichen Gründen ihren offiziellen Sitz haben.

Die Kluft zwischen Recht und Unrecht ist in Russland letztlich eine Frage der politischen Beziehungen - und die hat Andrej Borodin mit der Entlassung des einst machtvollen Moskauer Stadtvaters Jurij Luschkow ganz sicher verloren.

Florian Willershausen
Florian Willershausen
Handelsblatt / Korrespondent
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