Bankenszene glaubt die wirklichen Gründe zu kennen
Der Stratege geht

Mehr als sieben Jahre ist es her, dass Ulrich Cartellieri aus dem operativen Geschäft in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank gewechselt ist – und immer noch wird der Manager als „Strippenzieher“ der Deutschland AG gehandelt und als „graue Eminenz“ der Deutschen Bank, bei dem die Fäden des größten heimischen Geldhauses zusammenlaufen. Das dürfte bald vorbei sein: Gestern wurde bekannt, dass Cartellieri sein Mandat im Aufsichtsrat der Bank bei der nächsten Sitzung des Gremiums im Oktober niederlegen wird, obwohl sein Vertrag noch bis 2008 laufen würde.

FRANKFURT. Er werde das mit seinem Alter begründen, hieß es aus Cartellieris Umfeld. Aber dass der drahtige Bergsteiger, der am Dienstag seinen 67. Geburtstag gefeiert hat, aus freien Stücken auf die Macht und den Einfluss des Aufsichtsrats-Daseins verzichtet, um dafür lieber in den Bergen zu klettern, bezeichnen auch Bekannte als vorgeschoben.

Wiewohl der promovierte Jurist bekennender Alpen-Fan ist: Regelmäßig zieht er mit den „Similaunern“ in die Berge, einer Gruppe von Managern, zu denen auch Post-Chef Klaus Zumwinkel und Daimler-Chrysler-Lenker Jürgen Schrempp gehören. Auch um den Alpen näher zu sein, lebt Cartellieri schon seit Jahren nicht mehr in Frankfurt, sondern am Tegernsee.

Nicht das Private sei es, das Cartellieri zum Aufgeben treibe, sondern sein Ärger über die Ausrichtung seiner Bank, ist sich die Frankfurter Finanzszene sicher. „Cartellieri hat den Machtkampf in der Deutschen Bank verloren“, lautete gestern unisono die Einschätzung unter Bankern. Und viele haben auch gleich die Schlussfolgerung parat: „Damit driftet die Deutsche Bank endgültig aus Deutschland. Ein Verkauf ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit.“

Schon seit Monaten sei er unzufrieden mit der Strategie von Bankchef Josef Ackermann, wird aus Cartellieris Umfeld immer wieder kolportiert. Der Aufsichtsrat, der als extrem diszipliniert und hart gegen sich und andere gilt, beklagt den drohenden Ausverkauf der Bank. Er wehrt sich gegen den wachsenden Einfluss der ausländischer Investmentbanker und die überstürzte Internationalisierung.

Cartellieri, noch immer schlank und durchtrainiert, gilt als einer der wichtigsten Köpfe der so genannten Traditionalisten in der Deutschen Bank. Der Fraktion also, die die deutschen Wurzeln des Geldhauses betont und eine starke Verankerung auf dem Heimatmarkt fordert. Heute erzielt das Frankfurter Geldhaus nur noch ein Drittel seiner Gewinne im Inland, dafür enden zwei Drittel aller Berichtswege in London oder New York.

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