Bayer-Chef: Die große Enttäuschung des Werner Wenning

Bayer-Chef
Die große Enttäuschung des Werner Wenning

Der Vorstandsvorsitzende von Bayer räumt seinen Schreibtisch und macht damit Platz für seinen Nachfolger Marijn Dekkers. Was ihn stört: Als Ehemaliger Vorstand darf er nicht in das Aufsichtsratgremium wechseln - zumindest vorerst.
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LEVERKUSEN. Eigentlich ist Werner Wenning an diesem Abend ganz Grandseigneur. Er hält Rückschau auf sein Werk, plaudert über Kollegen und Familie – und dann schlägt doch etwas auf die Stimmung. Dass er, der scheidende Bayer-CEO, nicht an die Aufsichtsratsspitze des Pharma- und Chemiekonzerns wechseln darf, wurmt ihn. „Dafür habe ich wenig Verständnis“, sagt er. Der Bundestag hat verboten, dass Konzernvorstände in die Aufsichtsgremien ihrer Arbeitgeber wechseln – für Wenning blanker Unsinn.

Überhaupt ist Wenning während der letzten Monate politisch aktiver geworden. Ob Aufsichtsratsregelung, Forschungspolitik oder Atomausstieg – Wenning kritisiert für Manager schon fast ungewohnt deutlich die Berliner Politik. Damit ist klar: Er räumt zwar jetzt seinen Schreibtisch, aber er denkt über das Ende seiner Amtszeit hinaus.

Bayer und der Industriestandort Deutschland, das ist für Wenning auch ein Stück Lebenswerk. Das endet nicht mit Ablauf des Arbeitsvertrags Ende September. Schließlich hat Wenning mit den beiden Themen sein bisheriges Leben verbracht. Der Industriekaufmann arbeitet seit 44 Jahren ohne Unterbrechung bei Bayer. Als er 2002 sein Amt antrat, steckte Bayer im Skandal um das tödliche Medikament Lipobay. Dem Konzern drohte die Zerschlagung.

Heute ist davon wenig zu sehen. Man habe alle 2002 gesteckten Ziele erreicht, sagt Wenning. Er verweist darauf, dass der Konzern den Betriebsgewinn (Ebit) von 828 Mio. Euro in 2002 auf 3,8 Mrd. Euro im Jahr 2009 gesteigert hat. Die Rendite stieg von 12 auf 21 Prozent. Für die Zukunft stecken vor allem im Pharmageschäft große Erwartungen. Insbesondere der Thrombose-Hemmer Xarelto soll für Milliardenumsätze sorgen: Mehr als zwei Mrd. Euro Umsatz stellt Wenning jetzt seinen Nachfolgern dafür jährlich in Aussicht.

Dabei hat Wenning nicht immer nur in diesen Zahlen gedacht – sonst wäre der Konzern wohl längst in seine Sparten zerschlagen. Wenning gehört zu jener Spezies, die gerade nach der Finanzkrise in deutschen Vorstandsetagen geschätzt ist: bodenständig, reflektiert, unprätentiös. Das liegt auch an seinem Werdegang: Wenning ist der einzige Dax-Vorstand, der keine Universität von innen gesehen, sich von ganz unten hochgearbeitet hat.

Die Vorliebe fürs Unkonventionelle hat er sich beibehalten. Etwa bei der Nachfolgeregelung, die er mit Aufsichtsratschef Manfred Schneider getroffen hat. Ab 1. Oktober führt Marijn Dekkers den Vorstand – erstmals ein Konzernfremder, erstmals ein Ausländer. Wenning sieht seinen Schreibtisch gut behütet: „Von Herrn Dekkers bin ich mehr denn je überzeugt“, sagt er. Vielleicht kann er ihm das in Zukunft auch offiziell bescheinigen.

Denn Wenning überlegt, nach Ablauf der Karenzzeit von zwei Jahren sich doch noch in den Aufsichtsrat wählen zu lassen: „Man wird sehen müssen, wie sich die Dinge entwickeln.“ Bis dahin kann er das Aufseher-Handwerk schon üben – bei der Deutschen Bank, Eon, HDI und Talanx. Oder indem er der Kanzlerin die Leviten liest.

Sven Prange
Sven Prange
Handelsblatt / Ressortleiter Report und Namen

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