Bayer, Daimler, Telekom spenden für Flüchtlinge

Mit dem Föhn Deutsch lernen

Immer mehr Konzerne sind in Sachen Flüchtlingshilfe spendabel. Sie springen für den Staat ein – und geben für Bildungsprojekte Geld. Die Naturwissenschaften helfen beim Vokabellernen. Zu Besuch in einer Berliner Schule.
Alltagsgegenstände können Neuankömmlingen beim Deutschlernen helfen. Quelle: Imago
Föhn

Alltagsgegenstände können Neuankömmlingen beim Deutschlernen helfen.

(Foto: Imago)

BerlinKatja Lange steht vor ihrer Schulklasse. Die Lehrerin hält einen Föhn in der Hand. Schaltet sie das Gerät ein, schnurrt das Gebläse. Die warme Luft streichelt Mirias Unterarm. Das Mädchen schrickt auf. „Was ist das?“, fragt Lange. Muhammad zeigt auf und antwortet: „Warm.“ Die Pädagogin pflichtet ihm bei: „Sehr gut, der Föhn ist warm.“ Der Junge nimmt ein Stück Kreide und schreibt das Wort an die Tafel.

Muhammad wirkt schmächtig, hat große warme Augen und trägt einen grauen Pulli über der viel zu weiten Jeans. Der 16 Jahre alte Flüchtling kommt aus Syrien. Seine Familie hat er im Kriegsgebiet zurückgelassen. In Deutschland besucht er mit elf weiteren Schülern eine „Willkommensklasse“. Sechs Stunden am Tag lernt er in Berlin an der Bertolt-Brecht-Oberschule Deutsch. Innerhalb eines Jahres soll er dort fit für den regulären Unterricht gemacht werden. Allein in der Hauptstadt gibt es derzeit 478 Vorbereitungsklassen, vor vier Jahren waren es noch 112. Auch in anderen Bundesländern bestätigt sich der Trend, melden die Kultusministerien.

Neben der Sprache paukt Muhammad im Stadtteil Spandau auch Naturwissenschaften. Er träumt davon, später einmal Arzt, Apotheker oder Ingenieur zu werden, hat er seiner Lehrerin anvertraut. Dabei helfen ihm Biologie, Chemie und Physik auch beim Deutschlernen. Über Experimente erschließt er sich eine neue Sprachwelt.

Wie deutsche Konzerne Flüchtlinge einbinden
Hilfe für Flüchtlinge
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Die BASF-Sprecherin ist ehrlich: „Natürlich ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Verschiedene deutsche Konzerne bemühen sich, Flüchtlinge zu beschäftigen oder auszubilden. Dabei geht es vor allem um Praktika und Qualifizierungsmaßnahmen für Flüchtlinge, die sich nicht einfach bei den Firmen im Rahmen normaler Stellenausschreibungen bewerben. Die Zahlen sind meist niedrig – wenn überhaupt schon Initiativen ergriffen wurden. Denn auch die großen Unternehmen lernen erst, mit der Situation umzugehen. Einige Beispiele:

BASF
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BASF (rund 50.000 Mitarbeiter in Deutschland) hat im Oktober begonnen, 50 Flüchtlinge für den Einstieg ins Berufsleben vorzubereiten. Grundlage ist ein Programm, mit dessen Hilfe BASF normalerweise Jugendlichen mit schlechten Aussichten auf dem Arbeitsmarkt hilft. Das sei auf die Bedürfnisse von Flüchtlingen übertragen worden, sagte eine Sprecherin. Ziel ist es, dass die Flüchtlinge in einem Jahr eine Ausbildung beginnen oder einen Job annehmen können. Zunächst wird der Qualifizierungsgrad festgestellt, um die Flüchtlinge dann mit Sprachkursen und Qualifizierungsmaßnahmen fit für einen Einstieg ins Berufsleben zu machen. Ähnliche Pläne verfolgt der Sportwagenbauer Porsche, der Flüchtlingen kommendes Jahr ein sogenanntes Förderjahr ermöglichen will.

Siemens
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Auch Siemens (rund 115.000 Mitarbeiter in Deutschland) will im kommenden Jahr bis zu 100 Flüchtlingen Praktika bieten, die sich noch im Asylverfahren befinden. Bislang läuft das Programm in Erlangen mit zehn Plätzen – es soll auf andere Standorte ausgeweitet werden. Hinzu kommen vier Förderklassen für jeweils 16 Flüchtlinge. Siemens hatte 2012 ein Ausbildungsprogramm für junge Menschen aus Europa aufgelegt. Diese Erfahrungen würden nun genutzt.

Daimler
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In der vergangenen Woche haben bei dem Autobauer Daimler 40 Flüchtlinge ein sogenanntes Brückenpraktikum in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit begonnen. Es dauert nur 14 Wochen, die Teilnehmer wurden von der Bundesagentur ausgewählt. Ziel ist es, die Flüchtlinge soweit zu bringen, dass sie sich bei anderen Unternehmen, Zeitarbeitsfirmen oder für eine Ausbildung bewerben können. Sie erlernen einfache Arbeiten in der Produktion - zum Beispiel, wie eine Maschine bestückt oder Bauteile sortiert werden. Finanziert werden die ersten sechs Wochen von der Bundesagentur, danach zahlt Daimler den Mindestlohn und übernimmt die Deutschkurse. Daimler (170 000 Mitarbeiter in Deutschland) will so künftig mehreren hundert Flüchtlinge an mehreren Standorten helfen.+

Deutsche Telekom
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Die Deutsche Telekom (rund 120.000 Mitarbeiter in Deutschland) hat eine Informationsplattform für Flüchtlinge aufgebaut. Außerdem werden seit Anfang September mehr als 70 Praktika auf der Internetplattform „workeer.de“ angeboten, die Jobangebote speziell für Flüchtlinge zusammenträgt. Bezahlt werde entweder ein Pauschalbetrag oder der Mindestlohn, so ein Sprecher. Das hänge von der Länge des Praktikums ab. Vom kommenden Herbst an will die Telekom außerdem 100 zusätzliche Ausbildungsplätze für junge Flüchtlinge stellen. „Es ist ein bisschen aufwendiger, aber verlangt kein Übermaß an Anstrengung“, sagt ein Sprecher. Er sieht ein ganz anderes Problem: Teilweise seien die Angebote unter den Flüchtlingen schlicht nicht bekannt.

Deutsche Bahn
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Die Deutsche Bahn (rund 196.000 Mitarbeiter in Deutschland) bietet eine konkrete Umschulung an. 15 berufserfahrene Flüchtlinge mit Erfahrung im Bereich Elektrotechnik werden zu Elektronikern im Betriebsdienst ausgebildet, neun weitere sollen demnächst hinzukommen. Das Programm dauert 28 Monate – normalerweise braucht die Ausbildung 3,5 Jahre (42 Monate). Die Länge hängt mit der Förderfähigkeit der Bundesagentur zusammen. Können Vorbildungen teilanerkannt werden, gibt es individuelle Ausbildungspläne. Die ersten vier Monate machen die Flüchtlinge einen Sprachkurs.

Ausbildung bei der Deutschen Bahn
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18 Monate dauerte es, bis das Programm überhaupt mit der Bundesagentur für Arbeit der Stadt München und den zuständigen IHKs entwickelt wurde. „Das ist eine Premiere, ein Lernfeld, es gab so etwas bisher noch nicht“, sagt eine Sprecherin. Nachdem die Partner gefunden waren, nahmen die Auswahlverfahren viel Zeit in Anspruch. Dafür haben die Flüchtlinge eine reale Chance auf einen Job: „Wir wollen alle gern übernehmen“, so eine Sprecherin.

Das weiß auch Katja Lange. Die Lehrerin für Naturkunde arbeitet auch als Projektleiterin „Science4Life Academy“. Mit 400.000 Euro fördert Bayer für fünf Jahre diese Bildungsstätte. Dabei handelt es sich um ein Pilotprojekt, indem Pädagogen Lehrmaterial für den naturwissenschaftlichen Unterricht entwickeln, die auch für Flüchtlingskinder wie Muhammad mit geringen Deutschkenntnissen verständlich sind. „Wirtschaft ist ein Integrationsmotor, und gerade naturwissenschaftliche Berufe werden gesucht“, sagt Thimo Valentin Schmitt-Lord, der bei Bayer für das Stiftungs- und Spendenwesen zuständig ist.

Der Pharma- und Chemiekonzern steht mit seinem Engagement nicht alleine da. Immer mehr Unternehmen in Deutschland zeigen sich in Sachen Flüchtlingshilfe spendabel - vor allem was nachhaltige Bildungsprojekte betrifft. Die Rechnung der Konzerne ist simpel: Umso schneller ein Neuankömmling Deutsch lernt, desto besser kann er als Arbeitskraft integriert werden.

Daimler, Deutsche Telekom und Alltours spenden auch
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