BBC-Chef Michael Grade
Kitzel der Gefahr

Der Chefmanager der alterwürdigen BBC, Michael Grade, wechselt überraschend zum britischen Senderrivalen ITV. Um den tobt derzeit eine Bieterschlacht – der deutsche Medienkonzern Bertelsmann lauert im Hintergrund.

LONDON/DÜSSELDORF. Das mit der dicken Zigarre lernte er von Onkel Lew, dem Begründer von ATV, einem der ersten kommerziellen britischen TV-Sender. Den Optimismus und die dicke Haarmähne hat er von Vater Leslie, der mal Laszlo Winogradski hieß und als Talentmanager Stars wie Bob Hope unter Vertrag hatte. Und Onkel Bernard Delfont veranstaltete damals, als Michael Grade groß wurde, Unterhaltungsshows in London und New York.

Da überrascht es vielleicht nicht, dass Michael Grade mit dem Familien-Rolls-Royce vorfuhr, als er mit 17 seine Lehre beim „Daily Mirror“ antrat. Charme, Selbstbewusstsein, Zuversicht und Entertainment liegt den Grades im Blut. „Der Name Grade öffnete mehr Türen, als er verschloss“, sagte er einmal in einem Interview.

Nun wechselt der vielleicht populärste britische TV-Manager aus der Chefetage der BBC, wo er als Vorsitzender des Treuhänderrats alle Zügel in der Hand hat, Anfang nächsten Jahres als Vorstandssprecher zum privaten britischen Sender ITV.

Der Wechsel des 63-Jährigen war am Dienstag nicht nur in London eine Sensation: Seit Monaten gibt es eine Bieterschlacht um den privaten Senderverbund. Das Kaufangebot des Kabelkonzerns NTL wurde vom britischen Bezahlsender BSkyB des Medientycoons Rupert Murdoch durchkreuzt, der ein Aktienpaket von knapp 18 Prozent kaufte. Und der Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann ist mit seiner Tochter RTL-Group an ITV interessiert.

Die Sendergruppe spielt auf dem britischen Markt bisher mit der Beteiligung am Privatkanal Five nur eine bescheidene Nebenrolle. Mit der Übernahme von ITV wären die Bertelsmänner mit einem Schlag die Nummer zwei in Europas größtem Werbemarkt. Sie brauchen dazu allerdings einen Partner, weil sie die Milliarden für ITV nicht alleine aufbringen können. RTL Group sagte gestern zu einem möglichen Engagement: „Wir sondieren die Lage.“ In Bertelsmann-Kreisen hieß es, wenn es Möglichkeiten zu einem Einstieg bei ITV gebe, werde man sie nutzen.

Die Zeit ist günstig: Dem Sender laufen die Zuschauer weg. Im harten Wettbewerb mit Digitalsendern und dem Internet hat ITV Marktanteile verloren. Die Aktie ist in diesem Jahr um 13 Prozent gesunken.

Der Chefposten bei ITV war seit Wochen vakant. Grades Vorgänger Charles Allen war schon im Sommer abgetreten. Aber niemand dachte auch nur entfernt daran, BBC-Chairman Grade könne seinen renommierten und vergleichsweise bequemen Posten für den Schleudersitz bei ITV verlassen.

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