Bedienungsanleitungen und Geschäftsberichte
Die verquaste Sprache der Wirtschaft

Ob Bedienungsanleitungen, Medikamentenbeilagen, Handbücher oder Geschäftsberichte: Die geschriebene Sprache der Unternehmen ist oft nicht nur hässlich, sondern auch völlig unverständlich - zum Ärger von Kunden und Geldgebern. Deutsche Unternehmen brauchen linguistischen Nachhilfeunterricht.

DÜSSELDORF. "Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche zieh?n und mit der kleinen Kurbel ganz nach oben dreh?n", sang Blödelbarde Mike Krüger 1980. Die sprichwörtlich gewordene Botschaft des Schlagers ist immer noch aktuell.

Für viele Unternehmen ist es anscheinend nebensächlich, ob die an den Kunden gerichteten Erklärtexte von diesem verstanden werden. Beispiel Deutsche Telekom: In einer internen Richtlinie ("Bedienungsanleitungen für Endgeräte - Anforderungen") ist zwar an zwei Stellen kurz von "verständlicher Sprache" die Rede, doch wie diese beschaffen sein muss, wird nicht erläutert. Das Ergebnis solcher Sprach-Ignoranz sind Sätze wie dieser aus der Bedienungsanleitung eines "Routers" der Marke T-Com: "An ihrem Speedport W700V sind eine individuelle SSID und die Verschlüsselung WPA/WPA2 mit Preshared key voreingestellt." Ein Käufer dieses Gerätes ohne Fachwissen dürfte an solchen Erklärungen schnell verzweifeln.

Das Problem ist ein grundsätzliches. Jeder Autor eines Textes muss entscheiden, was seinem Leser an Hintergrundwissen mitzuteilen ist. Und diese Entscheidung wird umso wichtiger, wenn beide aus verschiedenen Milieus kommen. "Die Welt des Technikers ist eine andere als die des Laien", schreibt Clemens Schwinder, Professor für Kommunikation an der Jacobs Bremen. -Universität "Doch woher soll ein Technikautor wissen, was sein Publikum nicht weiß? Er macht sich und sein Wissen mitunter zum Maßstab."

Empirische Untersuchungen über das Verständnis von Gebrauchsanleitungen und anderen Wirtschaftstexten liegen nicht vor, diejenigen der Werbewirtschaft untersuchen in der Regel nur die Wirkung einer Botschaft, nicht den Informationsfluss. Doch wer mit einer unverständlichen Anleitung schon einmal vergeblich einen Video-Rekorder installieren wollte, wird beim Kauf des nächsten Geräts möglicherweise genau darauf achten.

Ulrich Ammon, Linguistik-Professor an der Universität Duisburg-Essen, rät daher Unternehmen, verschiedene Versionen technischer Dokumentationstexte vor dem Druck Versuchspersonen vorzulegen, denn "wieweit ein Fachterminus in der Bevölkerung bekannt ist, kann man nicht intuitiv erraten, sondern nur überprüfen."

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