Befragung im Middelhoff-Prozess
„Ich suche keine Widersprüche, ich sehe welche“

Nach einem kuriosen Start kommt es im Untreue-Prozess gegen Thomas Middelhoff doch noch zu dessen Befragung. Der Vorsitzende Richter hat viele Fragen – doch nur wenige davon kann der Ex-Arcandor-Chef auch beantworten.
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EssenEs ist wohl eine der schnellsten Anklageverlesungen, die die deutsche Rechtsgeschichte gesehen hat. Nachdem das Landgericht Essen den Prozessauftakt gegen den früheren Arcandor-Chef Thomas Middelhoff wiederholen ließ, legte die Staatsanwaltschaft Bochum ein Redetempo vor, dem selbst geübte Schnellsprecher nur schwer folgen konnten. Es war der Versuch, ein wenig von der Zeit einzusparen, die nun auf die doppelte Anklageverlesung verschwendet wurde. Und es gelang: Statt anderthalb Stunden wie bei der ersten Verlesung am Dienstag verkürzte die Staatsanwaltschaft ihren Vortrag auf eine Stunde.

Für den zweiten Prozesstag am Essener Landgericht im Untreue-Verfahren gegen Thomas Middelhoff stand am Montag eigentlich die Befragung des Angeklagten auf dem Programm. Doch wegen eines Verfahrensfehlers musste die Anklageschrift sowie Middelhoffs Erklärung vom Dienstag noch einmal verlesen werden. Das Gericht hatte es versäumt, einen Kammerbeschluss gegen die mögliche Befangenheit einer Schöffin herbeizuführen. Das wurde am Montag nachgeholt, genauso wie der erste Prozesstag im Eiltempo.

Dem Redetempo des Staatsanwalts schloss sich nämlich auch Thomas Middelhoff an – nicht, ohne jenem „hohen Respekt“ für sein hohes Tempo zu zollen. Statt des Vortragstons vom Dienstag ratterte der Ex-Arcandor-Chef seine Worte herunter. Trotzdem war der halbe Prozesstag vorbei, als die Wiederholung geschafft war.

Doch bevor das Gericht den 61-jährigen Angeklagten befragen konnte, grätschten seine beiden Anwälte mit Erklärungen dazwischen. Sie sollten die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft widerlegen, zählten aber letztlich nur zu den üblichen juristischen Spitzfindigkeiten, die sich Verteidiger gerne einfallen lassen.

Zur Befragung kam es aber doch noch. Middelhoff musste sich für eine Festschrift und ein Symposium rechtfertigen, die er in Auftrag gab und die Arcandor am Ende 180.000 Euro kosteten. Der frühere Konzernchef hatte anlässlich des 70. Geburtstages seines Mentors Mark Wössner entsprechende Pläne auf Kosten des Unternehmens verwirklichen lassen. Die Staatsanwaltschaft bewertete dies als persönliches Geschenk von Middelhoff.

Der 61-Jährige hingegen argumentierte, im Unternehmensinteresse gehandelt zu haben. Das Symposium sei ein voller Erfolg gewesen, es habe die Auftaktveranstaltung von einer Reihe solcher Treffen sein sollen und sollte Arcandor eine Plattform bieten, so Middelhoff.

Auch den Vorwurf, er habe die Festschrift und das Symposium selbst bezahlen wollen, wies er zurück. Das stimme zwar, allerdings habe er mit einer Broschüre im Wert von 20.000 oder 30.000 Euro geplant. Erst, als die Kosten bei rund 120.000 Euro lagen, habe sich bei ihm der Gedanke entwickelt: „Das ist jetzt nicht mehr das, was ursprünglich vorgesehen war.“ Auf einem Abendessen mit den Vorständen habe er dies auch angesprochen, dort habe es Zustimmung für das Projekt gegeben und für seinen Vorschlag, die Kosten zu zwei Dritteln Arcandor zu Lasten zu legen. Das andere Drittel wollte Middelhoff mit weiteren Teilnehmern des Symposiums zahlen.

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